Am Münchner Hautpbahnhof haben 2000 Polizisten und Sanitäter den Krisenfall, zum Beispiel bei Anschlägen geprobt.

Schüsse, Schreie, Kunstblut – Polizei probt in München den Ernstfall

Etwa 2000 Polizisten, Sanitäter und Feuerwehrleute proben in München den Ernstfall: Eine Krisensituation wird durchgespielt. Für die Beteiligten herrschen reale Bedingungen – jetzt geht es an die Auswertung.

 

München – Zuerst knallt es oben an den Gleisen, wieder und wieder, sind das Schüsse? Schreie ertönen hinter der blauen Wand, die das simulierte Grauen am Münchner Hauptbahnhof von den Schaulustigen abschirmt. Dann ist es ganz still – bis in der Ferne Sirenen aufheulen. Einige Minuten später, einigen Zuschauern erscheint die Zeit quälend lang, rasen die ersten Polizeifahrzeuge heran. Jetzt wieder Schüsse, viel näher diesmal, sie hallen aus dem Untergrund des Hauptbahnhofs. Die Übung «Lelex» hat begonnen.

 

Rund 2000 Polizisten von Landes- und Bundespolizei, Sanitäter sowie Feuerwehrleute spielen in der Nacht zum Mittwoch am Münchner Hauptbahnhof den Ernstfall durch, also einen Amoklauf oder einen Terroranschlag. Das Szenario ist fiktiv, wird aber unter realen Bedingungen durchgespielt – mit Schutzausstattung, Schreckschüssen, blutig geschminkten Verletzten und Blaulicht. Ähnliche Übungen gab es zuletzt auch in anderen Städten, unter anderem in Frankfurt am Main. Damit die Münchner keine Panik bekommen, hat die Polizei die Aktion zuvor öffentlich angekündigt und informiert neugierige oder beunruhigte Menschen nachts vor Ort und über soziale Medien.

 

Vier Angreifern müssen sich die Einsatzkräfte in dem Szenario stellen. Der erste geht mit einem Messer auf Passanten los, verletzt einige tödlich. Zwei weitere Täter stürmen in die untere Etage des Hauptbahnhofs, schießen mit Maschinenpistolen auf Menschen. Ein vierter verschanzt sich in einem Regionalzug und nimmt dort Geiseln. So detailliert erfahren das die anwesenden Journalisten erst später – die Übung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) wird von «beklemmenden Bildern» sprechen.

 

Die vier Lagen wecken Erinnerungen an schwere Gewalttaten, die sich tatsächlich zugetragen haben. An die Morde am Olympia-Einkaufszentrum in München 2016 etwa. Oder das Attentat eines jungen Flüchtlings, der Reisende in einem Regionalzug auf dem Weg nach Würzburg plötzlich mit einer Axt angriff. Doch auch andere Ereignisse der vergangenen Jahre im In- und Ausland seien Hintergrund der Übung, hatte die Münchner Polizei zuvor mitgeteilt. Polizei und Rettungsdienste hätten ihre Einsatzpläne überarbeitet; dabei sei es insbesondere um die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Organisationen gegangen.

 

 

Mittlerweile hasten immer mehr Menschen, darunter viele junge Leute, über die gesperrte Straße am Nordteil des Hauptbahnhofs. Sie tragen Verwundete in Richtung der Rettungskräfte, rufen laut um Hilfe. Es gibt eine Sammelstelle für Verletzte – alles soll möglichst real sein. Nach dem Hauptteil der Übung, dem Ausschalten der Täter, gibt es eine erste Zwischenbilanz. Der Leiter der Bundespolizeidirektion München, Karl-Heinz Blümel, lobt die Polizisten. Sie hätten professionell und schnell gehandelt, sagt er.

 

Aus Sicht des Zuschauers Daniel Spitzenberger dagegen lief der Einsatz der Polizei sehr langsam ab. «Sonst sind die Gegebenheiten hier anders: Überall sind Autos und Leute – ich würde denken, dass sich das dann noch mehr zieht», fürchtet der 30-Jährige. Grundsätzlich befürwortet er die Aktion. «Im Zeitalter dessen, was man auf der Welt miterlebt, ist es richtig, für den Notfall zu üben.» Wie er sich im Ernstfall verhalten würde? Das entscheide man wohl im Affekt, sagt er. «Wahrscheinlich: laufen.»

 

Wie lange die Polizisten zum Einsatzort gebraucht haben, das soll nun unter anderem ausgewertet werden. Die Einsatzkräfte wurden während der Übung von sogenannten Schiedsrichtern der Polizei beobachtet. Die Frage lautet, was gut lief, und was in Zukunft verbessert werden muss – damit so viele Leben wie möglich gerettet werden.

 

 

Von Wera Engelhardt, dpa