Schloss Neuschwanstein

Bunter als jedes Klischee – Der Mythos Bayern im Wandel

Alle Bayern lieben Leberkäs, tragen Lederhosen und Dirndl, gehen zum Oktoberfest und wählen die CSU. Von wegen. Der Freistaat ist vielfältiger als geglaubt. Das bekommt auch die Politik zu spüren.

 

Hohe Berge, braune Kühe, paradiesische Seen. Dazu Trachtler, Dialekt und Volksmusik im Biergarten: Wer Bayern hört, hat sofort Klischees im Kopf. Klischees einer ganz eigenen Welt, die nicht nur traditionsbewusste Menschen im Freistaat leben und lieben. Weltweit ist der weiß-blaue Lebensstil längst ein Exportschlager mit Oktoberfesten rund um den Erdball. Im fernen China protzt ein Luxushotel als Nachbau des Märchenschlosses Neuschwanstein. Und wer lieber das Original will, der gesellt sich einfach unter die alljährlich gut 37 Millionen Touristen im Freistaat.

 

Doch auch in Bayern steht die Zeit nicht still, was jetzt zur Landtagswahl vor allem die CSU zu spüren bekommt. «Diese Welt verändert sich, auch in Bayern, schneller als viele wollen», ruft Ministerpräsident und CSU-Spitzenkandidat Markus Söder jüngst seinen Anhängern auf dem Parteitag zu. «Lasst uns weiter gemeinsam den Mythos Bayern gestalten.» Bayern stehe vor der Herausforderung, Identität und bayerische Seele zu erhalten. «Modern sein und bayerisch bleiben ist kein Widerspruch.»

 

 

Webcam-Blick vom Herzogstand auf den Walchensee

 

 

Tatsächlich ist Bayern im Wandel. Und dies längst nicht erst seit dem Flüchtlingszustrom im Herbst 2015. Und nicht nur in München und anderen Städten. Auch auf dem Land ist was in Bewegung geraten, was sich auch die hiesigen Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts nicht hätten vorstellen können. Und immerhin haben diese das heutige Bayern-Bild geprägt, wie Julia Lichtl, Volkskundlerin im Haus der Bayerischen Geschichte, zu berichten weiß.

 

Ablesen lassen sich die gesellschaftlichen Veränderungen an den stets steigenden Bevölkerungszahlen. Ende Januar knackte der Freistaat die 13-Millionen-Einwohner-Marke. Der Anteil von Ausländern lag bei 12,6 Prozent, Tendenz steigend. Vor 2014 schwankte er laut Landesamt für Statistik knapp 20 Jahre im Neun-Komma-Bereich. Hinzu kommen die vielen Neu- und Wahl-Bayern, die es aus anderen Bundesländern und der EU in den Freistaat zieht, und Migranten, die in x-ter Generation hier leben. Aber sie allein reichen nicht aus als Erklärung. Auch Digitalisierung und technischer Fortschritt tragen zum Wandel bei.

 

Die Folgen: Bayern wird vielfältiger und das hat Konsequenzen für praktisch alle Lebensbereiche. Wo früher ein Trachtenverein, ein Wirtshaus und ein Fußballverein als Angebot ausreichten, zieht es die Menschen in ihrer Freizeit zusätzlich zum Surfen auf hiesigen Bächen und Flüssen, in einen unterfränkischen Shanty-Chor oder sie werden mitten in Oberbayern zum Kiltträger. Und neben Schweinen und Kühen werden im Freistaat längst auch Garnelen und Alpakas gezüchtet.

 

Die Kamele mit wuscheliger Frisur seien mittlerweile «integriert» in Bayern, sagt Irene Hemetmayr, die mit ihrem Mann Ulrich im oberbayerischen Gars am Inn die Zucht Bayernland Alpakas betreibt. Heute wisse jeder, was ein Alpaka ist. «Vor elf Jahren, wie ma das Ganze begonnen hat, hat jeder g’sagt, was is a Alpaka?» Damals hätten sie was Exotisches gesucht, sagt Ulrich Hemetmayr. «Von Bauern ist es eher belächelt worden, weil es ja Exoten san.» Heute aber sehe man sie überall in den Bergen; die Zahl der Halter habe stark zugenommen.

 

 

 

 

Außergewöhnlich ist auch Crusta Nova, die erste Garnelenzucht Bayerns. «Das ist eine absolute bayerische Eigentümlichkeit, das muss man wirklich sagen. Also wir sitzen ja im Nordosten von München im Landkreis Erding und haben da im Grunde unser Alien landen lassen, unser Ufo», sagt Geschäftsführer Fabian Riedel. Seit zweieinhalb Jahren beliefern Riedel und Co. Hotels, Supermärkte, aber auch bayerische Gasthäuser und über den Onlineshop Tausende Kunden. Das Umfeld habe sich erst an das Neue gewöhnen müssen, gibt Riedel zu.

 

Auch im bayerischen Landtag könnte es bald Bedarf geben, sich an etwas neues gewöhnen zu müssen: Nach dem 14. Oktober könnte sich auch hier eine neue Vielfalt abzeichnen: bis zu sieben Fraktionen könnten im Maximilianeum Platz finden und die Zeit der CSU-Alleinregierung endgültig vorbei sein. Bei gerade einmal 35 Prozent lag die Partei beim jüngst veröffentlichten «Bayerntrend» des Bayerischen Rundfunks, ein absoluter Tiefpunkt und meilenweit entfernt vom bislang besten Landtagswahlergebnis mit 62,1 Prozent von 1974.

 

Die Zahlen belegen: Die CSU leidet – wie andere Volksparteien – unter mehreren Entwicklungen: Die Zersplitterung des bürgerlichen Lagers und der Wandel der Gesellschaft mitsamt ihres Wertekanons. Seit Jahren stemmt sich die Partei mit ihrer Forderung nach einer verbindlichen Leitkultur gegen gesellschaftlichen Wandel, doch bei Wahlen ist sie der Vielschichtigkeit der Bevölkerung ausgeliefert. Anders ausgedrückt: Die CSU bekommt nicht mehr alle Menschen unter einen Hut.

 

Keine Frage: CDU und SPD würden sich bei Wahlen über die CSU-Werte freuen – für die CSU aber waren 38,8 Prozent bei der Bundestagswahl im Herbst ein Debakel. Im Freistaat gelten eben andere Maßstäbe. Wegen der CSU. Und für die CSU. Seit Jahren leitet die Partei ihren bundes- und europapolitischen Sonderstatus in ihrem Abschneiden und ihrer selbst empfundenen Deutungshoheit an Bayern ab. In Westeuropa erzielt keine andere Partei höhere Werte. So gesehen muss sich die Entwicklung für die CSU als existenzgefährdend anfühlen.

 

 

© Der Bayrische Landtag aus einer anderen Perspektive   - Foto:  Dirk Schiff/Portraitiert.de

 

 

Aus der Sicht von Kabarettist Django Asül könnte das bayerische Ego der CSU bei der Landtagswahl zum Verhängnis werden: «Der Bayer hat das Problem, dass er halt nicht alleine bestimmen kann, was in Deutschland so los ist.» Nachdem die CSU vom Bund immer wieder ausgebremst werde, falle das auch auf die Partei zurück. Wie sonst wohl nur die Bayernpartei steht die CSU für jenes konservative Profil, welches Traditionen bewahrt, sich von anderen Ländern abhebt. Will die CSU weiterhin ihrem Anspruch als Volkspartei gerecht werden, muss sie für alle sich zerfasernden Milieus wählbar bleiben.

 

Ein Schlüssel dafür könnte auf der Gefühlsebene zu finden sein, verborgen hinter dem für Alteingesessene wie Zugezogene wichtigen Heimatbegriff. «Heimat ist ein Gegentrend zur Globalisierung», sagt Andreas Fischer-Appelt von der gleichnamigen Kommunikationsagentur, die 2006 die Kampagne «Du bist Deutschland» mitentwickelt hat. Damit verbunden würden Nähe, Kontrollierbarkeit, Geborgenheit. «Die CSU als regionale Partei weiß, wie wichtig Verankerung ist.» Da wundert es nicht, dass Parteichef Horst Seehofer und seinen Parteifreunden Heimatministerien auf Landes- und Bundesebene so wichtig sind.

 

Zum Alltag in der bayerischen Heimat gehören längst aber auch Teile eigentlich fremder Kulturen – etwa die Kiltträger: Rund 500 bis 1000 sind hier und da immer wieder in Bayern zu sehen, schätzt Hans-Jürgen Kaschak vom Bavarian Highland Club im oberbayerischen Steinkirchen. «Früher war es schon so, dass man belächelt wurde. Das passte gar nicht.» Heute sehe man Männer im Kilt beim Wandern in den Bergen oder in Biergärten – also jenen Orten, an denen bislang Lederhosen dominierten. Auch lasse sich der Kilt mit Trachtenelementen wie Jankern kombinieren – das sei keine Seltenheit. «Man fällt schon auf, aber der Kilt ist angekommen», sagt Kaschak. Jüngst stellte auch Modezar Harald Glööckler im Kilt eine Dirndl-Kollektion vor.

 

 

 

 

Die neue Vielfalt ist auch im traditionsreichen Handwerk erkennbar: Im unterfränkischen Dorfprozelten gibt es nicht nur einen für die Region weniger exotischen Alphornbauer, sondern mit Christian Hofmann auch einen Panflötenbauer mit Kunden in China, Kanada und Israel. Und bei denen scheint Hofmanns Heimat gut anzukommen, wie er vermutet: «“Made in Bavaria“ steht für eine hohe Qualität bei der Handarbeit.»

 

Längst hat die Bayern Tourismus Marketing GmbH die Vielfältigkeit und die damit gewissermaßen einhergehende Widersprüchlichkeit erkannt – und mit der Kampagne «Bayern – traditionell anders» in Szene gesetzt. Hier stehen Leute im Mittelpunkt, die Traditionen neu interpretieren oder in einem neuen Mix ausleben: Das Musik-Duo «Loisach Marci», das traditionelle bayerische Instrumente zu modernen Elektrobeats spielt. Ein Alphirte, der im Winter als Tenor auf der Opernbühne steht.

 

Zu ihnen gehört auch «Lederhosen-Tätowierer» Michael Thalhammer, der im oberbayerischen Sauerlach Steinböcke, Hopfendolden und Palmen in die traditionelle Tracht brennt. «Meine Kunden sind Leute, die open-minded sind, die Tradition weiterentwickeln wollen», sagt er. Thalhammer sorgt sich aber, dass die CSU-Politik Begriffe wie Heimat und Tradition in ein schlechtes Licht rückt. «Bayern hat so viel Schönes. Und damit meine ich nicht nur sauleckeren Schweinsbraten und schöne Berge. Bayern stand mal für Offenheit, Menschlichkeit, Moderne kombiniert mit Gewohnheiten. Ich habe Angst, dass wir da auf einem anderen Weg sind», sagt er. Inzwischen wirke die Politik engstirnig und konservativ. «Bayern ist bunt und soll bitte bunt bleiben.»

 

Dass die CSU mit «bunt» gerne mal fremdelt, zeigt sich am Umgang mit Homosexuellen. Gleichgeschlechtliche Liebe lässt sich im Wertesystem der Christsozialen nur schwer abbilden. Als Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sich 2017 offen für Ehe für alle zeigte und die Opposition das Thema durch den Bundestag peitschte, setzte beim konservativen CSU-Klientel Schnappatmung ein. Obwohl die CSU-Spitze die Abstimmung zur persönlichen Entscheidung der Abgeordneten erklärte, erwägte sie später eine Verfassungsklage. Am Ende rückte sie zwar wieder davon ab, doch passt diese Reaktion ins Bild.

 

 

 

 

«Ein Jahr später können wir feststellen: Es hat keinem geschadet, es ist keine Katastrophe eingetreten», sagt Patrick Slapal, Landeschef vom Verband der Lesben und Schwulen in der Union (LSU). Lange hat es gedauert, bis die LSU auch in Bayern Fuß gefasst hat. Slapal hofft, dass der Umgang mit Homosexuellen in seiner Partei entspannter wird, wirbt aber auch in der schwul-lesbischen Community für Akzeptanz gegenüber der CSU. «Wir sehen uns als Bindeglied.» Dass die Bayern generell weniger Berührungsängste haben und sich auch Homosexualität bestens mit Brauchtum verträgt, zeigen übrigens seit 2001 die «Schwuhplattler», die erste schwule Schuhplattlergruppe der Welt.

 

Das christliche Bayern – auch das ist eine der vielen Schubladen. Die Christlich Soziale Union trägt das C im Namen und beruft sich allenthalben darauf. Nicht zuletzt argumentierte Söder damit, als er vor einigen Monaten verordnete, im Eingang einer jeden Landesbehörde müsse ein Kreuz an die Wand genagelt werden. Die Realität aber ist eine andere: Auch in Bayern laufen den Kirchen die Mitglieder weg. 2017 traten rund 48 000 Katholiken im Freistaat aus ihrer Kirche aus. Die evangelische Landeskirche registrierte rund 23 600 Austritte.

 

In der Klischee-Welt der Postkarten gehören Kirchen aber trotzdem noch immer zu den beliebtesten Motiven – neben Bier, Schlössern, braunen Kühen und Bergen. «Kirchen und Berge gerade in Kombination läuft wirklich gut», sagt Boris Hesse vom Postkarten-Produzenten Schöning-Verlag. Das sei wohl ein bisschen der Heile-Welt-Effekt, der ein Stück weit vielleicht auch stimme. «Postkarten spielen heute noch mehr mit Klischees und Kitsch», sagt Hesse. Und er weiß: «Wir erfüllen Schubladen.» Die gefallen Touristen.

 

Auch der deutsche Fußball-Rekordmeister FC Bayern München spielt mit bayerischen Klischees und Traditionen. Bei den Meisterfeiern auf dem Rathausbalkon zeigen sich die Spieler in Lederhose, obligatorische Weißbierdurschen gehören ebenso zum guten Ton wie Trachtenoutfits im Fanshop und das Motto «Mia san mia». Der Verein sucht so den Spagat zwischen US- und Asienreisen und bayerischen Wurzeln. Mit Erfolg. Mit 290 000 Mitgliedern ist der FC Bayern der größte Sportverein der Welt. «Für uns als FC Bayern ist auch als Global Player immer München und Bayern die Heimat», beschreibt es Vereinspräsident Uli Hoeneß.

 

 

FC Bayern Lederhosen Shooting Wiesn Oktoberfest 2018, © Paulaner Brauerei München

 

 

Im Juli schrieb der Bayer Tobias Moorstedt für die «NZZ am Sonntag»: «Toskana, Kalifornien, Bayern; es gibt nicht viele Landstriche auf der Welt, die für ein klar definiertes Lebensgefühl stehen.» Schon 1521 habe Aventinus in der «Baerischen Chronik» seine Landsleute als versoffen, verfressen, faul, triebhaft, zügellos, abergläubisch und spielsüchtig beschrieben. Trifft es das? Muss es die Abgrenzung vom Rest der Nation nur geben, um das und die Bayern erklären zu können?

 

Marco Krefting und Marco Hadem, dpa