Hunderte Kerzen - München trauert nach Amoklauf am Olympia-Einkaufszentrum

Der stille Junge, der zum Amokläufer wurde

Depressionen, Angst vor Menschen und für Nachbarn ein „unauffälliger Junge“. David S., der am Freitag neun Menschen in München und anschließend sich selbst tötete, nahm sich offenbar andere Amokläufer zum Vorbild und sich auf die Tat vorbereitet. Ein 16-Jähriger könnte im Vorfeld davon gewusst haben.

 

Freitagabend in München: Die Meldungen überschlagen sich, die Gesamtlage, was im Münchner Olympia-Einkaufzentrum genau passierte und ob es in anderen Teilen der Landeshauptstadt zu weiteren Schreckenstaten kam, ist zunächst vollkommen unklar. Währenddessen stehen die Werbezeitschriften, die der 18-jährige Amokläufer David S. immer in der Nachbarschaft verteilt hatte, ordentlich gestapelt vor der Wohnung, so, als würde alles ganz normal weiter laufen und der unauffällige Schüler diese wieder pflichtbewusst verteilen. Nachbarn beschreiben ihn als still, manchmal habe er höflich Türen aufgehalten oder gegrüßt. Andere benutzen die Wörter zurückgezogen, teilweise war auch von einem Außenseiter die Rede. So wirklich glauben will es noch niemand, der den Täter persönlich kannte. Klar ist, dass er in psychatrischer Behandlung war, er habe Angst vor Menschen gehabt, heißt es.

 

 

An diesem Abend kommt alles ganz anders, der junge Mann verübt im und im Umfeld des Einkaufscenters einen grausamen Amoklauf: Eine Tat, die er offenbar länger geplant oder zumindest im Kopf hatte. Sein eigener Vater erkennt ihn in einem der vielen Videos, die durchs Internet und über die TV-Sender gehen und wendet sich selbst an die Polizei. Die ‚Süddeutsche Zeitung‘ will erfahren haben, dass er angab, dass sein Sohn unreligiös sei – die ganze Familie sei nicht sehr fromm, gab er dem Bericht zur Folge an. Auch die Polizei sieht keinen religiösen Zusammenhang oder Verbindungen zu Terrororganisationen. Anschließend händigt der Vater den Beamten einen Schlüssel zu der Wohnung aus. Später identifiziert er die Leiche seines Sohnes.

 

Im Zimmer des 18-Jährigen findet die Polizei Medikamente gegen Depressionen, Zeitungsartikel anderer Amokläufe, Bücher über diese und stellt auf seinem Computer fest, dass er wohl in einem Manifest seine Tat im Vorfeld verschriftlicht hatte. Noch sind die Daten nicht genau ausgewertet, aber die Schreiben sollen Planungen und Darstellungen enthalten, wie er vorgehen werde oder wolle. Auch Winnenden hat der Amokläufer im Vorfeld besucht, Fotos lassen auf diesen Umstand schließen. Die Polizei spricht aufgrund der Gegebenheiten von einem „klassischen Amoklauf„.

 

 

Die Pistole ist dieselbe Tatwaffe, wie sie auch Anders Behring Breivik in seiner Tasche hatte, als er den grausamen Amoklauf auf einer Insel bei Oslo verübte, wo gerade etliche Jugendliche aller Nationen an einem Zeltlager teilnahmen. Auch der Amokläufer von Erfurt hatte mit einer Glock 17 zuerst 16 Menschen und anschließend sich selbst getötet. Die Munitionskapazität dieser Pistole beträgt je nach Magazin 17, 19 oder 33 Patronen. Heute ist klar, das sind alles Einzelheiten, die der 18-Jährige David S. gewusst hatte. Er hatte sich scheinbar über Monate auf seine grausame Tat vorbereitet, mit der keiner am vergangenen Freitag gerechnet hatte.

 

Am Sonntag wird ein 16-Jähriger festgenommen, der im Verdacht steht, von der geplanten Tat gewusst zu haben. Aus einer Whatsapp-Unterhaltung geht hervor, dass er sich noch vor der Schießerei im Bereich des Tatorts mit ihm getroffen haben soll. Er soll den Amokläufer im vergangenen Jahr in der Psychiatrie kennengelernt haben. Dort sei ihm bekannt geworden, dass der Täter vom Freitag den norwegischen Massenmörder Breivik verehrt habe. Der Amokläufer habe demnach auch geäußert, er habe einen „Hass auf Menschen“. Früher sei er gemobbt worden, gegenüber der Polizei war David S. bisher nur als Opfer in Erscheinung getreten. Einmal hatten ihn Mitschüler auf dem Nachhauseweg überfallen, ein weiteres Mal sei ihm etwas gestohlen worden.

 

 

Dass alleine Mobbing und ein Leben in Zurückgezogenheit ausreicht, um sich zu einer solchen Tat hinreißen zu lassen, wollen viele Experten und Psychologen so nicht stehen lassen. David S. war wohl nicht nur Außenseiter und voller Hass, er war offensichtlich psychisch schwer gestört. Allerdings wird man wohl nie vollständig verstehen können, was ihn zu einer solchen Tat bewegte und es ist kaum machbar, ein komplettes Bild davon zu zeichnen, was in diesem Menschen vorging. Alles, was bleibt, ist der Versuch, diese grausame Tat auch nur annähernd nachzuvollziehen.

 

pm