Polizei Pressesprecher Marcus da Gloria Martins Amoklauf München, © Im Gespräch: Jörg van Hooven und Marcus da Gloria Martins

Die Stimme der Münchner Polizei: Marcus da Gloria Martins

Marcus da Gloria Martins habe es geschafft, ein ganzes Land zu beruhigen, schreiben Fans nach dem Amoklauf von München begeistert auf Facebook. Der Sprecher der Münchner Polizei, inzwischen mehrfach ausgezeichnet, hat auch Lehren aus der Amoknacht gezogen.

 

 

München – Wenn Marcus da Gloria Martins durch München läuft, grüßen ihn die Passanten. Seit Juli ist er eine prominente Gestalt, nicht nur in der bayerischen Landeshauptstadt. Als im Juli ein Amoklauf die Stadt in kollektive Panik stürzte, wirkte der Sprecher der Münchner Polizei mitten im Trubel dieses vermeintlichen Terrorangriffs wie ein Ruhepol. Sprachgewandt, besonnen und sachlich stand er über Tage fast pausenlos Rede und Antwort.

 

Da Gloria Martins und sein Team wurden mehrfach ausgezeichnet, mit dem Sonderpreis 2016 des Bundesverbandes deutscher Pressesprecher und mit Gold-Awards des Fachmagazins „PR-Report“. Das Presseteam mit ihm an der Spitze habe im allgemeinen Chaos aus Gerüchten, Halbwahrheiten und Emotionen als anerkannte Stimme der Vernunft gewirkt, hieß es.

 

Wir haben uns nach dem Amoklauf in München mit Marcus da Gloria Martins unterhalten:

 

 

Marcus da Gloria Martins, 43, Familienvater, zwei Kinder. Portugiesische Wurzeln. Aufgewachsen im Rheinland. „Der Liebe wegen“ nach München gekommen. Erst seit Oktober 2015 leitet er die Kommunikationsabteilung. Polizeipräsident Hubertus Andrä ist zufrieden: „Der Präsident hat die Aufgabe, die fähigsten Köpfe auszuwählen“ – das sei hier gelungen, sagte er nach der Amoknacht.

 

Wahrscheinlich ist da Gloria Martins der einzige deutsche Polizeisprecher, für den Menschen nach einem Einsatz eine eigene Fanseite bei Facebook einrichteten. Er habe es geschafft, „ein ganzes Land zu beruhigen“, schrieb jemand nach dem Amoklauf, ein anderer zollte „Hochachtung und Respekt“. Da Gloria Martins selbst mag seine Fanpage nicht besonders. Bis Jahresende soll sie endlich abgeschaltet werden, sagt er. „Ich bin nach wie vor kein Fan meiner Fanpage, auch wenn ich mich natürlich über einiges dort gefreut habe.“

 

Den Amoklauf sieht er als „Lehrstück, wie verletzlich eine Großstadt sein kann“. „Der Amoklauf war schlimm und tragisch. Aber was wir klären müssen ist: Warum hat die Stadtgesellschaft so reagiert“, sagt er heute. Menschen hörten Schüsse, wo nicht geschossen wurde, sprangen auf der Flucht durch Fenster, wo niemand sie verfolgte. „Was der großstädtischen Bevölkerung völlig fehlt, ist eine Krisenkompetenz“, sagt da Gloria Martins. „Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, stehen wir komplett auf dem Schlauch.“

 

So liegt ein Augenmerk der Polizei nun auf einem Gegner, der bisher unterschätzt wurde: Die Angst der Menschen, angeheizt von Nachrichten in den sozialen Netzwerken, die sich – das hat jene Nacht gezeigt – wie stille Post ausbreiten und in den Köpfen grausige Szenarien fernab der Realität entstehen lassen. Die Wichtigkeit der sozialen Medien hatte da Gloria Martins schon zuvor erkannt und die Präsenz der Münchner Polizei auf Facebook und Twitter vorangebracht.

 

Die Münchner Beamten punkten hier mit ihrer lockeren Art. „Rekord! 385 Punkte fürs (Zu-?) schnellfahren. Herzlichen Glückwunsch zur Weltmeisterschaft“, twitterten sie kürzlich zu Nico Rosbergs Titelsieg bei der Formel 1. Da Gloria Martins leitet nun ein Projekt für die Nutzung dieser Kanäle bei allen Polizeipräsidien in Bayern.

 

Bei Großereignissen wie beim diesjährigen Oktoberfest ist die größte Sorge der Polizei inzwischen nicht unbedingt ein möglicher Anschlag. „Die eigentliche Herausforderung des Oktoberfests war nicht nur die verschärfte Sicherheitslage – wir hatten vielmehr mit großer Verunsicherung und Angst zu tun.“ Dabei sei die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Anschlags zu werden, „geringer als ein Lottogewinn“.

 

Vor knapp einem Jahr an Silvester hatte da Gloria Martins frisch im Amt den ersten Terroralarm zu bewältigen. Bahnhöfe wurden gesperrt, es blieb aber beim Alarm. Zu den Vorbereitungen für den bevorstehenden Jahreswechsel sagt er nur: „Wir gehen nie blauäugig in die Silvesternacht hinein.“ Im Februar beschäftigt die Polizei das nächste Großereignis: Staatschefs aus aller Welt zur Münchner Sicherheitskonferenz. „Routine.“ Aber für die Münchner Polizei wie auch für das Presseteam wird es einmal mehr ein Großeinsatz – über den niemand sprechen wird, wenn alles gut läuft und nichts passiert.

 

Traumjob Polizist? „Mittlerweile: ja“, sagt er. Anfangs habe ihn auch die Aussicht gelockt, nach der Ausbildung noch zu studieren. Jetzt habe er schon 23 Jahre „auf der Uhr“. Da Gloria Martins war im Rauschgiftbereich, als ziviler Fahnder, Dienststellenleiter der Verkehrspolizeiinspektion und als einfacher Streifenpolizist unterwegs. „Wenn Sie mir vor zwei oder drei Jahren gesagt hätten, dass ich irgendwann mal für die Öffentlichkeitsarbeit der Polizei München verantwortlich bin, hätte ich Sie vermutlich ausgelacht.“

 

Oft genug muss seine Familie kurzfristig umplanen, weil er spontan los muss. So war es in der Amoknacht, so ist es bei kleineren Vorfällen, die kaum über Münchens Grenzen bekannt werden. Aber gelegentlich ist er nachmittags einfach mal weg: Kindertag. „Da kann die Welt zusammenbrechen, darauf kommt nichts.“

 

dpa