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Drogen in München: Schon vorm Tod geht's unter die Erde

Bayern bleibt bei seiner harten Linie in der Drogenpolitik. Obwohl der Freistaat zum vierten Mal in Folge mehr Drogentote als jedes anderes Bundesland verzeichnete, will man in München nichts von Fixerstuben hören.

 

Münchens Innenstadt glänzt. An der Oberfläche schon seit Jahren, hat die Landeshauptstadt in den vergangenen Jahren ihr Image auch im Untergrund ordentlich aufpoliert. Im Stachus-Untergeschoss erinnert fast nichts mehr an alte Zeiten. Die alten dunklen Fliesen wurden ausgetauscht, die Fußböden des früher teilweise beängstigend lang wirkenden Tunnels Richtung Schwanthalerstraße und unter der Fußgängerzone Richtung U-Bahn-Abgang erstrahlen nun in weiß – nur der alte Geiger, oben vor einem Fastfood-Restaurant in der Sonnenstraße, erinnert noch ein wenig an alte Zeiten. Wo früher Drogenjunkies und Obdachlose saßen, stehen heute Touristen in Schlangen, um Junk-Food oder sonstiges Mode-Essen zu bestellen.

 

 

Frei nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn, wurden den sozial Schwachen ihre trockenen und windgeschützen Plätze genommen. Doch die Menschen sind geblieben – und sie sind noch immer in der Innenstadt, jetzt nur ein paar Stockwerke tiefer, an den Orten, die kein Tourist kennt und an denen München sein Schmuddelgesicht behalten hat. Einer von ihnen ist Karl, er ist polytox. Seit 25 Jahren konsumiert er alle Drogen und mischt diese.  Er kennt die Wege in den Untergrund – Katakomben, wie die verlassenen Räume und Gänge von der Szene genannt werden. Während an der Oberfläche ein Tourist seine „Original Münchner Weißwurst“ mit Messer und Gabel verspeist, drückt sich Karl unten seine Dosis Heroin.

 

Sechs Stockwerke tiefer, in einem kalten, dunklen Raum: Blut ist über den Boden verteilt, es riecht abartig nach Fäkalien. „Aus Schutz vor Münchens omnispräsenter Polizei sind wir hier“, erzählt Karl. „Sie halten uns nicht ab vom Konsumieren, sie sorgen nur dafür, dass wir aus dem Stadtbild verschwinden und damit riskieren nicht nur wir unser Leben – auch die Justiz nimmt das billigend in Kauf.“ Einige seiner Freunde sind laut Karls Aussage in den Katakomben ums Leben gekommen, sie lagen dort scheinbar mehrere Tage, bevor sie von anderen Junkies gefunden wurden.

 

Harte Drogen und Bayern? Ein todsichere Sache

 

Ende April veröffentlicht das Bundeskriminalamt die Zahl der Drogentoten in der Bundesrepublik. Wie die Zeitung „Die Welt“ vorab berichtete, hat sich diese im Jahr 2015 auf 1226 Menschen erhöht, ein Sprecher des BKA bestätigte diese Zahl gegenüber münchen.tv. Traurige Gewissheit: Auch in diesem Jahr verzeichnet Bayern die meisten Drogentoten, zum vierten Mal in Folge. 314 Menschen sind im Freistaat 2015 durch Drogen ums Leben gekommen, ein Anstieg von knapp 25 Prozent.
Auch in München steigt diese Zahl stetig. 2013 waren es 46 Menschen, im Jahr 2014 starben 48 und im Jahr 2015 führte Rauschgift bei 66 Menschen zum Tod.

 

Beim bayerischen Landeskriminalamt wird münchen.tv bestätigt, dass der Trend zum Mischkonsum geht. „Die meisten sterben nicht mehr am „goldenen Schuss“, sondern durch den langjährigen Konsum. Im Durchschnitt werden diese Langzeitkonsumenten 39 Jahre alt“, so ein Sprecherin.

 

Laut Bayerns Innenminister Joachim Herrmann bleibt Heroin „Todesdroge Nummer eins“. Am Mittwoch vor Ostern veröffentlichte er die Kriminalstatistik 2015 für Bayern. „Wir konnten durch intensive Kontrollen im Bereich der Rauschgiftkriminalität mehr Fälle aufdecken.“ Als Grund dafür gab Joachim Herrmann die verstärkte Schleierfahndung an. „Durch die Suche nach Schleusern sind den Fahndern auch vermehrt Drogendealer ins Netz gegangen“, so der Innenminister.

 

40.788 Rauschgiftdelikte wurden im Jahr 2015 registriert. Die Tatverdächtigen kommen aus allen Bevölkerungsschichten. Den größten Anstieg gibt es bei Erwachsenen über 60 Jahren. Um fast 30 Prozent sind die Rauschgiftdelikte in dieser Generation angestiegen. „74 Prozent der Verstöße machen Erwerb und Besitz aus“, so Joachim Herrmann.

 

Bayerns Innenministerium hält nichts von Druckräumen

 

Doch trotz dieser alarmieredenden Zahlen hält man in Bayern nichts von Fixerstuben. „Dieser repressive Umgang führt dazu, dass sich viele Süchtige beim Konsum an Orte begeben, an denen es nicht möglich ist, Soforthilfemaßnahmen einzuleiten, um das Leben dieser Menschen zu retten“, so ein Sprecher vom Drogennotdienst L43 in der Münchner Landwehrstraße. Den Mitarbeitern vom Drogennotdienst ist es nur erlaubt, frisches Spritzbesteck auszuhändigen. Die Abgabe von sauberen Substanzen oder das Zulassen vom Konsum in den Räumen des Projekts ist in Bayern undenkbar, obwohl in anderen deutschen Städten die Zahlen der Drogentoten durch die Maßnahmen gesunken sind.

 

Im bayerischen Innenministerium sieht man dies anders. „Druckräume sind kein Allheilmittel für die Reduzierung von Drogentoten“, so Herrmann. Als Grund gibt er die „Legal Highs“ an, Substanzen, die aktuell noch nicht sanktioniert werden. Ein Widerspruch? Zuvor erklärte der Innenminister doch noch Heroin zur Todesdroge Nummer eins? Doch in Bayern ticken die Uhren an einigen Stellen offenbar noch immer anders. Und so wird Zahl der Drogentoten in Bayern wohl auch in den nächsten Jahren weiter ansteigen und Menschen, die Drogen nehmen, wird es immer geben. Dies lässt sich selbst in einem reichen Bundesland wie Bayern nicht vermeiden. Erst recht nicht in einer Millionenstadt wie München. Und so konsumieren die Junkies der Landeshauptstadt auch trotz Umbau des Stachus-Untergeschosses und dem Hauptbahnhof weiter in der Innenstadt. Und das werden sie auch, bis das Sperrengeschoss vom Sendlinger Tor neu saniert worden ist. Die Frage ist nur, wie lange bleiben sie noch im Untergrund, sodass Bayerns Innenministerium die Augen vor dem Problem verschließen kann.

 

Rico Güttich / münchen.tv

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