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Falsche Gerüchte über Flüchtlinge halten Polizei von der Arbeit ab

Sie bekommen angeblich Gutscheine für teure Klamotten, sollen Mädchen vergewaltigt oder Diebstähle begangen haben: Falschmeldungen über Flüchtlinge werden zurzeit zuhauf im Internet verbreitet. Die Polizei behindern solche Gerüchte bei der Arbeit. Rechtsextremen nutzen sie.

 

München/Nürnberg – So abstrus sie meist sind – Gerüchte über Flüchtlinge haben Hochkonjunktur. Über die sozialen Medien vervielfachen und verselbstständigen sie sich rasend schnell. Manchmal sind sie frei erfunden, oft entstehen sie aber auch nach dem Prinzip der «stillen Post» – je öfter sie weitergegeben werden, desto stärker sind sie am Schluss verfälscht.

 

Die Polizei in Bamberg äußerte sich erst kürzlich mit deutlichen Worten zu angeblichen Vorfällen mit Asylbewerbern, die im Netz die Runde machten. Immer wieder hatten sich demnach männliche Flüchtlinge etwa an Tankstellen zu Frauen ins Autos gesetzt. «Der Polizei in Bamberg sind solche Vorfälle bislang nicht bekanntgeworden», teilten hingegen die Ermittler mit. Umfangreiche Recherchen hätten zu dem Ergebnis geführt, dass diese Vorfälle wahrscheinlich «niemals stattgefunden haben und sich in den Netzwerken entwickelt haben».

 

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Über manche Geschichten, die im Netz kursieren, könnte man lachen, so absurd sind sie. Doch leider ist das Thema ernst. Rechtsextreme nutzen die Falschmeldungen, um in der ohnehin angespannten Situation weiter Stimmung gegen Geflüchtete zu machen. Die sogenannten Hoaxes (englisch für Scherz oder Schwindel) halten zudem die Polizei von der Arbeit ab – und damit von der Aufklärung von wirklichen Verbrechen.

 

Fast 60 Falschmeldungen über Flüchtlinge listet die «HoaxMap» – eine «Gerüchtelandkarte» im Internet – derzeit für Bayern auf. In jedem Regierungsbezirk sind zahlreiche Markierungen zu sehen. Ein Klick enthüllt die falschen Geschichten – und sorgt für Aufklärung. Unter den Gerüchten: Ein eigenes Bordell für Flüchtlinge in Roth. Das Landratsamt in Landshut bezahlt Asylbewerbern teure Markenbekleidung. Und immer wieder: Zuwanderer haben sich an Mädchen vergriffen oder sie sogar vergewaltigt.

 

Alles Unsinn, wie Ermittler und Behörden in sämtlichen dieser Fälle sagen. Doch die Polizei ist verpflichtet, den Vorwürfen nachzugehen. In einem Fall in Südbayern band das zwei Beamte zwei ganze Tage lang, wie Polizeisprecher Andreas Guske berichtet. Auf Facebook hatte ein Mann behauptet, Flüchtlinge hätten Mitte Januar in einer Traunsteiner Unterführung ein Mädchen vergewaltigt – er habe dies «aus sicherer Quelle». Er warf der Polizei vor, den Fall zu verheimlichen.

 

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Als Beamte den Mann aufsuchten, löste sich seine «sichere Quelle» in Luft auf. Per «stiller Post» über acht verschiedene Beteiligte hatte sich eine tatsächlich stattgefundene sexuelle Nötigung zu einer Vergewaltigung durch eine ganze Flüchtlingsgruppe entwickelt. «Es gibt gewisse Ängste und Unsicherheiten in der Bevölkerung, und viele Dinge werden dann einfach weitergegeben, ohne groß darüber nachzudenken», sagt Guske. Er stellt fest: «Gerüchte mit Bezug auf die Flüchtlingssituation haben eindeutig zugenommen.»

 

Peter Schnellinger, Polizeisprecher in Mittelfranken, sagt: «Jede Stunde, die wir uns damit befassen müssen, ist eine zu viel.» Schließlich habe die Polizei dadurch weniger Zeit für echte Fälle. «Und die Bevölkerung wird durch diese Behauptungen, die jeder Grundlage entbehren, beunruhigt und verunsichert.»

 

Ein weiteres Problem: Gerüchte machen in Windeseile die Runde. Dass in Wahrheit nichts an der Geschichte dran ist, dringt dagegen meist nicht mehr durch – oder wird nicht geglaubt. «Es herrscht eine fatale Asymmetrie zwischen der massenhaften Verbreitung eines Gerüchts und seiner Korrektur», sagte der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen der «Zeit». Weil sehr viele Menschen ein Gerücht auf Facebook sehen, erscheine es als Wahrheit. Spätere Korrekturen würden dagegen nicht so intensiv verbreitet – unter anderem, weil es peinlich sei, einer Falschmeldung aufgesessen zu sein.

 

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Es lohne sich trotzdem, jedem einzelnen Gerücht nachzugehen und es zu entkräften, betont Michael Siefener, Sprecher im bayerischen Innenministerium. So zeigten Polizei und Medien, dass sie nichts unter den Teppich kehrten.

 

Doch wo kommen solche Falschmeldungen eigentlich her? Der junge Mann, der die angebliche Vergewaltigung in Oberbayern publik machte, habe keine rechte Gesinnung gehabt, sagt Polizeisprecher Guske. Er sei vermutlich nur verunsichert und gedankenlos gewesen. Das Innenministerium ist sich jedoch sicher, dass rechtsextreme Kreise solche Meldungen wenn schon nicht selbst streuen, dann zumindest gezielt weiterverbreiten. «Solche Geschichten sind ein gefundenes Fressen für Rechte», schildert Siefener.

 

Ziel solcher Lügen sei es, Unruhe zu stiften und andere zu verunsichern, erläuterte auch der Soziologe Johannes Kiess kürzlich der Deutschen Presse-Agentur. Und ob es stimmt oder nicht: «Das Gerücht ist in der Welt. Der erste Aufschrei, das erste Unwohlsein gegen Flüchtlinge ist schon produziert.» Damit sei die Strategie der Rechten aufgegangen.

 

Die NPD in Bayern hat sogar eine ganze «Krimigrantenkarte» auf ihre Internetseite gestellt, in der alle möglichen angeblichen Verbrechen von Asylbewerbern aufgelistet sind. Als Quelle für einen Diebstahl reicht hier jedoch beispielsweise schon ein Nachbar aus. «Die NPD versucht damit, Politik zu machen», sagt Siefener. Der Verfassungsschutz habe die Karte im Blick. Nachgewiesen seien all diese Vorfälle nicht.

 

Von Cathérine Simon, dpa

(dpa/lby)