Saal des Deutschen Theaters, © Symbolbild Deutsches Theater München

Habjan und seine Puppen: Vom Kinderzimmer auf die große Opernbühne

Kinder lieben Marionettentheater. So auch Nikolaus Habjan. Doch bei ihm ging die Zuneigung tiefer. Er wünschte sich auch solche Puppen und spielte damit Opern nach. Das ist heute nicht anders. Nur, dass er nicht im Kinderzimmer inszeniert, sondern auf der großen Bühne.

 

 

Es begann mit Mozarts «Zauberflöte». Fünf Jahre war Nikolaus Habjan alt, als er eine Inszenierung der berühmten Oper im Salzburger Marionettentheater sah. Der Beginn einer Leidenschaft. Seit vielen Jahren verbindet der Österreicher seine Begeisterung für Theater und Puppenspiel miteinander: In seinen Inszenierungen treten neben Schauspielern lebensgroße Handpuppen auf. Sein Stil machte ihn zu einem gefragten Regisseur.

 

Nun hat sich der 29-Jährige mit seinen Puppen zum ersten Mal an eine Oper gewagt. Am Freitagabend stand die Neuinszenierung des romantischen Werks «Oberon, König der Elfen» von Carl Maria von Weber bei den Münchner Opernfestspielen auf dem Programm. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur erzählt Habjan, was ihn an Puppen so fasziniert.

 

Frage: Woher rührte Ihre Begeisterung für das Puppenspiel?

 

Antwort: Die ist schon ziemlich alt. Ich habe das erste Mal die Puppen mit fünf Jahren gesehen im Salzburger Marionettentheater, die «Zauberflöte». Dann hat es mich nicht mehr losgelassen. Oper und Puppentheater, das sind meine Leidenschaften.

 

Frage: Was hat Sie an den Marionetten so begeistert?

 

Antwort: Das war einfach dieser kleine Kosmos, den man da gesehen hat. Die Welt, die sonst riesig ist, war da klein, aber trotzdem groß. Ich habe den Mund nicht mehr zu gekriegt. Ich habe mir dann zu allen Anlässen Puppen gewünscht, bis ich die Besetzung der «Zauberflöte» hatte. Dann ging es weiter mit der «Entführung aus dem Serail». Immer, wenn meine Eltern Besuch bekommen haben, mussten die Gäste eine Aufführung im Kinderzimmer anschauen.

 

Frage: Anders als bei den Marionetten sind bei den großen Handpuppen die Spieler, die diese Puppen führen, dabei sichtbar auf der Bühne. Ist das nicht störend?

 

Antwort: Man sieht, dass der Spieler die Puppe in die Hand nimmt, daneben steht und spricht. Für mich es ehrlich. Man legt die Illusion offen und die Zuschauer sehen, wie es funktioniert. Dann machen sie sich keine Gedanken mehr darüber.

 

Frage: Warum wollten Sie den «Oberon» mit Puppen inszenieren?

 

Antwort: «Oberon» schreit ein bisschen danach. In dem Fall war es für mich logisch, dass ich das mit Puppen löse. Es geht um verschiedene Realitäten. Es geht um Menschenversuche. Darum, dass Menschen in verschiedene Welten gebracht werden. Puppen sind ein gutes Medium, um Realitäten herzustellen oder zu stilisieren. Es ist diese 1001-Nacht-Märchenromantik. Diese Oper ist ja vor allem dadurch berühmt geworden, dass sie ein wunderschönes Zaubermärchen ist. Und die Oper ist das perfekte Medium für Puppen.

 

Frage: Wieso?

 

Antwort: Puppenspiel ist Rhythmus. Die Musik ist dafür das perfekte Korsett. Und Puppen können vieles, was auf den ersten Blick unrealistisch wirkt, in eine starke Wahrhaftigkeit rücken. Oper ist das Unrealistischste überhaupt. Es geschehen unrealistische Dinge, es gibt abstruse Liebesgeschichten. Bis ein Satz gesungen ist, wäre der in der Realität zwölf Mal gesprochen. Puppen haben genauso ein langsameres, genaueres Timing, einen magischen Fokus.

 

Frage: Was können Puppen, was Schauspieler oder Sänger nicht bewerkstelligen können?

 

Antwort: Sie können sterben. Und dann gibt es noch die Zwischenebene, die Beziehung vom Spieler zur Puppe. Das ist auch unglaublich magisch.

 

Frage: Würden Sie auch ohne Puppen inszenieren?

 

Antwort: Ja, ich will nicht reduziert werden auf die Puppen. Ich sehe die Puppen als wahnsinnig wirksames Mittel bei Texten, die keiner mehr macht, wie «Das Missverständnis» von Camus. Mit Menschen ist das wahnsinnig spröde, aber mit Puppen gelingt eine schöne Annäherung. Mir ist aber auch ganz wichtig, mich an Intendanten zu halten, die mir die Freiheit lassen. Viele wollen nur die Puppen. Aber ich sage, dann muss man mir auch die Freiheit geben, das Stück auszusuchen. Man kann das verstehen wie ein Antibiotikum.

 

Frage: Das muss man sparsam einsetzen.

 

Antwort: Die Puppe ist ein Antibiotikum, das kann man gegen vieles einnehmen. Aber nicht gegen alles. Und wenn man zuviel davon nimmt, dann wird man resistent. Dann heißt es, jetzt kommt er schon wieder mit seinen Puppen. Das ist mir ganz wichtig, dass es immer einen guten Grund für die Puppen gibt. Der Zuschauer muss immer wissen, warum es die Puppen gibt. Ich will die Puppen nutzen, um Grenzen zu sprengen oder zu erweitern, aber nicht, weil es bequem ist: Da ist mir nicht viel eingefallen, da kann man Puppen nehmen. Das wäre mir ein Gräuel.

 

ZUR PERSON: Nikolaus Habjans Mentor ist der Puppenspieler Neville Tranter. Seit er mit 13 Jahren einen Workshop des Australiers besuchte, ist Habjan von großen Handpuppen begeistert. Er studierte Musiktheater in Wien und startete seine Karriere am dortigen Schubert Theater. Weitere Stationen waren das Volkstheater Wien und das Grazer Schauspielhaus. Anfang 2018 wird Habjan am Münchner Cuvilliéstheater das Stück «Der Streit» von Pierre Carlet de Marivaux inszenieren. Auch in seiner Heimatstadt Graz sowie am Schauspielhaus Zürich wird er mit seinen Puppen auftreten.

 

mhz/dpa