Polizei und Menschenmenge am HBF, © Ausnahmezustand am Münchner Hauptbahnhof

Münchner Hauptbahnhof: Ausnahmezustand im Ausnahmezustand

Nichts ging mehr am Münchner Hauptbahnhof: Nachdem ein Sprengstoff-Spürhund angeschlagen hatte, räumte die Polizei das Gebäude am Sonntagabend. Hunderte Reisende mussten raus – und wussten zunächst nicht weiter.

 

Was ist hier los?“ Menschen mit Koffern und Rucksäcken drängen sich an einer Polizeiabsperrung in der Schalterhalle des Münchner Hauptbahnhofs. Nichts geht mehr, die Rolltore zu den Bahnsteigen sind heruntergelassen. „Polizeiliche Ermittlungen“, sagt ein Beamter wieder und wieder.

 

Weil ein Sprengstoff-Spürhund angeschlagen hat, evakuiert die Polizei am Sonntagabend den Bahnhof. „Das hat nichts mit den Flüchtlingen zu tun“, versichert ein Polizeisprecher.

 

Hunderte Reisende schieben sich in Richtung der Ausgänge, stehen auf dem Gehweg rund um den Bahnhof. Viele tippen auf ihr Smartphone oder telefonieren. Chaos bricht nicht aus, die Menschen bewahren Ruhe. Um Service-Mitarbeiter der Bahn bilden sich Menschentrauben. Alle wollen wissen: „Was ist passiert?“ und „Wie lange dauert das?“.

 

Genau sagen kann das zunächst niemand. Via Durchsagen werden die Menschen aufgefordert, die Bahnsteige und den Bahnhof zu verlassen. „Zu Ihrer eigenen Sicherheit“, heißt es. Bahnmitarbeiter spannen rotweiße Flatterbänder, die Halle leert sich.

 

„Wir kamen gerade mit der S-Bahn vom Flughafen an und wollten mit dem Zug weiter“, sagt eine Urlauberin. „Jetzt sind wir hier gestrandet.“ Mit zwei Freunden war sie auf Sardinien. Nun warten sie am Seiteneingang des Bahnhofes, versuchen Informationen über das Internet zu bekommen. Sie wollen eigentlich nach Nürnberg, Würzburg und Frankfurt weiter. „Hoffentlich geht heute noch ein Zug.“

 

Immer wieder kommen Menschen an und wundern sich, dass sie nicht in den Bahnhof dürfen. „Wo geht es denn zur S-Bahn?“, will einer wissen. „Oder fahren die auch nicht?“. Ratlosigkeit. Viele suchen sich einen Platz in einem der Cafés und Bistros rund um den Bahnhof. In der Eingangshalle steht auch der Münchner Roland Ulbing und wartet. „Ich wollte eigentlich nur eine Sporttasche aus dem Schließfach holen“, sagt er. „Die Leute hier tun mir leid.“ Er selber müsse ja nicht zum Zug. Die Tasche kann ich auch morgen holen.“

 

Während in der Bahnhofsvorhalle Reisende auf die Anzeigentafeln blicken und an den Bahnsteigen die Züge stillstehen, werden nebenan weiterhin Flüchtlinge zu Bussen gebracht. Am Flügelbahnhof sind am Wochenende etwa 17 000 Migranten angekommen. Und nun die Evakuierung: Ausnahmezustand im Ausnahmezustand.

 

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Nach knapp zwei Stunden gibt die Bundespolizei Entwarnung: „Es bestand zu keiner Zeit eine Gefahr für die Reisenden.“ Sie dürfen zurück zu den Zügen. Ob Einzelne die Nacht in München verbringen mussten, weil sie ihren letzten Zug verpasst hatten, blieb unklar.

 

Etliche Fehlinformationen, Hetze und rechtes Gedankengut im Internet

 

Auch die sozialen Netzwerke werden überhäuft von Kommentaren in denen gegen Flüchtlinge gehetzt wird. Ein erschreckend großer Teil davon ist allerdings nichts anderes als Stammtischparole und zeugt von Unwissenheit, rechtem Gedankengut und falschen Informationen. Deshalb hier ein kleiner Faktencheck, der sich ständig wiederholenden Aussagen: (Lesen Sie dazu auch: Warum Flüchtlinge Smartphones wirklich brauchen)

 

Video: So können Sie helfen:

 

„Deutschland nimmt die meisten Flüchtlinge auf“

 

Das ist eine Aussage, die auch nicht zutreffend ist. Deutschland nimmt derzeit in Europa tatsächlich die meisten Asylbewerber auf, jedoch ist Deutschland auch von der Fläche und Einwohnerzahl viel größer als andere EU-Länder. (Wenn man das also mit der Einwohnerzahl pro Kopf ins Verhältnis setzt, nahm Deutschland, z.B., 2014 weniger Flüchtlinge auf, als andere EU-Staaten. Mehr dazu auch hier.)

 

Dennoch gibt es einige Länder außerhalb der EU, die weitaus mehr Hilfesuchende aufnehmen:

 

  • Türkei – 1,59 Millionen
  • Pakistan – 1,51 Millionen
  • Libanon – 1,15 Millionen
  • Iran – 982.400
  • Äthiopien – 659.500
  • Jordanien –  654.100

(Quelle)

 

 

„Echten Flüchtlingen helfen wir gerne, die Meisten sind aber sowieso Wirtschaftsflüchtlinge und Schmarotzer“ 

 

Tatsächlich kamen dieses Jahr bisher die meisten Flüchtlinge aus der Kosovo-Region, diese allerdings haben tatsächlich meist keinen Anspruch auf Asyl und werden deshalb auch „so schnell wie möglich“ wieder ausgewiesen. An zweiter Stelle folgen die Flüchtlinge aus Syrien, wo schreckliche Bürgerkriege herrschen und bei Kämpfen zwischen Regierungstruppen und der IS-Terrormiliz tausende Menschen ums Leben kommen. Darunter auch viele Zivilisten.

 

Video: Die Situation der Kosovo-Flüchtlinge in München

 

 

 

„Wären es echte Flüchtlinge, würden nicht nur die Männer kommen.“

 

Knapp 2/3 der Flüchtlinge, die hier ankommen, sind Männer. Wenn man allerdings über Wüste, Mittelmeer und halb Europa flieht, ist das auch eine körperliche Anstrengung. Deshalb ist i.d.R. das stärkste Familienmitglied das erste, das das auf sich nimmt. (bzw. das Familienmitglied, das die besten Chancen hat, die Familie weiterhin zu unterstützen oder ggf. auch nachzuholen) Gerade der Weg über das Mittelmeer ist eine sehr große Gefahr, die viele Väter erst sich selbst zumuten, bevor es ihre Frauen und Kinder tun. Wenn man jetzt in die Flüchtlingslager nahe den Krisengebieten genauer unter die Lupe nimmt, dann ist das genau umgekehrt, also der Frauenanteil höher. Es ist also falsch, dass nur die Männer fliehen, es kommen nur prozentual mehr in Europa an.

 

 

„Die Flüchtlinge bekommen das Geld hinterhergeschmissen“

 

Die Regelsätze für Asylbewerber liegen mit 362 Euro monatlich unter denen von Hartz4. Zumal man bedenken muss, dass davon noch einmal bis zu 60 Prozent abgezogen werden, was meist auch der Fall ist. (Für Unterkunft, Strom, Wasser und Heizung). Übrig bleiben dann 140 Euro im Monat, was weniger als 5 Euro am Tag entspricht. Offiziell stehen einem Flüchtling etwa 6 Quadratmeter für die Unterbringung zu. Wegen der hohen Anzahl an Flüchtlingen muss oft gerade mal ein Bett ausreichen.

 

 

(dpa/lby/pm)