Spielwarenmesse Nürnberg

Tradition und Technik: Spielzeugmacher zeigen Neuheiten

Der Einzelkämpfer kann einpacken. Wenn es nach den Trendsettern der Spielwarenbrache geht, hält der Teamgeist in den Kinderstuben Einzug. 2018 sind Spiele angesagt, die soziale Kompetenz und Dialog fördern sollen.

 

Prinzessin Zaffira ist in großer Gefahr. Ein Drache hat die Schönheit in einen Turm gesperrt. Also höchste Zeit für den Auftritt eines Prinzen. Wer aber meint, dass es auf den Einzelkämpfer ankommt, irrt gewaltig. Um die Prinzessin aus ihrer misslichen Lage zu befreien, muss der Prinz auf seine Gefährten zählen können. Die Zeit drängt – denn wenn der Drache aus seinem Schlaf erwacht und die Retterschar entdeckt, lässt er den Turm einstürzen. Und dann hätten alle verloren.

 

Das Märchenszenario ist die Handlung eines Spiels für Mädchen und Jungen ab fünf Jahren, das offenbar schwer in Mode kommt. So sieht es zumindest ein internationales Gremium aus Branchenexperten, das vor der Spielwarenmesse in Nürnberg Trends ausgemacht hat. «Team Spirit» heißt eine der großen Wellen, die aus Sicht der Fachleute 2018 in die deutschen Kinderzimmer schwappen dürfte.

 

Dabei geht es um sogenannte Kooperationsspiele, die Gemeinschaftssinn und Dialog fördern sollen. Also Fähigkeiten, die auch im Berufsleben wichtiger denn je sind, wie die Macher der Spielwarenmesse erläutern. Denn ohne Kooperation, soziale Interaktion und Flexibilität komme man heutzutage nicht weit.

 

„Man kann das Rad nicht neu erfinden“

 

Da sei schon etwas dran, findet Volker Mehringer von der Universität Augsburg – auch wenn man «die Trends auf der Spielwarenmesse immer mit einem Augenzwinkern» betrachten sollte. Denn das Rad werde mit «Team Spirit» nicht ganz neu erfunden. Sozialkompetenz folge vielmehr einer «kulturübergreifenden Entwicklungslogik» im Spielverhalten.

 

Das fange bei «Explorationsspielen» an, bei denen es darum gehe, die Welt zu erkunden. Hier bahnten sich schon erste soziale Interaktionen an – gerade im Umgang mit den Eltern: «Ich baue drei Klötze aufeinander, das Kind wartet, und dann schmeißt es das Ganze um und hat diebischen Spaß dabei», sagt Mehringer. Irgendwann kämen Fantasiespiele hinzu, Rollenspiele, Konstruktionsspiele und zuletzt Regelspiele, zu denen etwa Mannschaftssportarten zählten.

 

Ludologie – Disziplin, die das Phänomen des Spielens erforscht

 

Jens Junge ist Gründer und Direktor des an der Design-Akademie in Berlin angesiedelten Instituts für Ludologie. Die Bewegung zum Teamgeist bringt Junge mit «Exit/Escape Games» in Verbindung, die seit einigen Jahren in vielen Städten angesagt sind: Erwachsene Teilnehmer finden sich in Gruppen zusammen, um unter Zeitdruck knifflige Rätsel gemeinsam zu lösen und sich so aus einem geschlossenen Raum zu befreien.

 

Das habe die Brettspielbranche aufgegriffen und mit jugend- und kindgerechten Inhalten weiterentwickelt – mit beachtlichem Erfolg, erklärt Junge. Der Experte spricht von einem Boom: Anfang der 80er Jahre habe es 250 Neuerscheinungen pro Jahr in der Brettspielbranche gegeben – inzwischen «sind wir bei 1500 pro Jahr».

 

Keine Digitalisierung bei Kooperationsspielen

 

Überhaupt scheint es gerade bei Kooperationsspielen einen Gegentrend zur Digitalisierung zu geben. Dieser Eindruck drängt sich zumindest auf, wenn man sich eine Übersicht über Spiele und Spielwaren ansieht, die das internationale Expertengremium für gelungene Beispiele für den Trend «Team Spirit» hält: Viele verzichten völlig auf elektronische Spielereien oder Digitales, der eingangs beschriebene «Drachenturm» besteht zum Beispiel aus Kunststoff, Pappe und Holz.

 

«Es gibt Menschen, die nach einem Berufsalltag vor dem Computer und am Smartphone verstärkt das Bedürfnis haben, real zusammenzukommen», sagt Junge. Abends werde dann «Digital Detox» – also eine digitale Entgiftung – betrieben. «Das Handy wird heute ausgeschaltet, der Computer bleibt kalt, und wir treffen uns im Wohnzimmer und machen wieder eine Pappschachtel auf.»

 

Handy weg – Spieleschachtel auf

 

Mit anderen Worten: In einer immer komplexeren Welt gäben Eltern die Achtsamkeit an ihre Kinder weiter, erläutert Christian Schuldt, Trendforscher beim Zukunftsinstitut in Frankfurt am Main. «Je menschenähnlicher Technologie wird, desto wichtiger ist es, dass wir uns wieder auf unsere ureigenen menschlichen Fähigkeiten berufen. Und da steht das Spielerische und Soziale an oberster Stelle.»

 

Die Spielwarenmesse in Nürnberg setzt in diesem Jahr verstärkt auf eine Verbindung von Tradition und Elektronik. Auf der Neuheitenschau waren viele Produkte mit klassischem Flair und zahlreiche Spielwaren voller technischer Raffinessen zu sehen. «Die Vielfalt ist auch in diesem Jahr unglaublich», sagte der Chef der Spielzeugmesse, Ernst Kick. Dazu müsse man wissen, dass 40 Prozent der Spielwaren nur eine Lebensdauer von eineinhalb Jahren hätten. «Das heißt, es gibt eine enorme Innovationskraft in der Branche, weil der Zwang besteht, ständig neue Produkte zu entwickeln und zu erfinden.»

 

Plüsch, Puppen und Brettspiele seien dabei genauso gefragt wie der wachsende Bereich elektronischer und technischer Spielwaren. Beides – Tradition und Elektronik – treffe zusammen, wodurch neue Spielwelten entstünden, sagte Kick weiter.

 

 

Auf der Messe können die Händler unter rund einer Million neuer und bewährter Produkte die passenden für ihre Kunden heraussuchen. Die Veranstalter rechnen bei mehr als 2.900 Ausstellern mit einem Rekordwert.

 

Am Mittwochmorgen öffneten sich die Tore für Hersteller und Fachbesucher aus aller Welt. Schluss ist dann am Sonntag wieder.

mhz/dpa