Hund im Schnee, © Symbolbild

Wie Lawinenhunde trainieren

Wenn Menschen von einer Lawine verschüttet werden, zählt jede Minute. Rettungshunde sind mit ihren sensiblen Nasen besonders effektiv. Seit einem halben Jahrhundert werden sie von der Allgäuer Bergwacht geschult.

 

Hündin Leila und ihr Herrchen Tino hängen an einem Seil unter einem Hubschrauber. Sie zittert, schmiegt sich an Tino, der sie im Arm hält. Um sie herum wirbeln die Rotoren Schnee auf, der sich wie eine weiße Wand auftürmt. Es scheint, als wären sie gefangen inmitten eines düsteren Sturms. Doch ein paar Meter weiter funkelt die Sonne auf den Hängen. Dutzende Skifahrer und Snowboarder brettern die Pisten am Nebelhorn bei Oberstdorf (Landkreis Oberallgäu) herunter. Hier und da verlassen Einzelne die Pisten und suchen abseits den besonderen Kick – trotz Lawinenwarnstufe 3 von 5.

 

muenchen.tv hat sich letzten Sommer angeschaut, wie Suchhunde trainieren:

 

 

Die Schneedecke ist an einigen Steilhängen nur schwach gefestigt – ein einzelner Skifahrer könnte die weiße Masse in Bewegung bringen. In der vergangenen Woche waren im Allgäu drei Lawinen abgegangen, die sechs Menschen verschütteten. Alle konnten sich freigraben.

 

Doch was, wenn nicht? Dann kommen Rettungshunde wie Mischling Leila zum Einsatz. Seit 50 Jahren schult die Allgäuer Bergwacht Hunde dafür, so schnell wie möglich Verschüttete aufzuspüren. Das Team bilden zwölf Hunde verschiedener Rassen mit Hundeführern. Bald ist es ein Paar weniger: Leila geht in Rente, sie ist 13 Jahre alt.

Der Nachwuchs steht bereits in den Startlöchern – im wahrsten Sinne. Für die beiden Junghunde der Truppe, die in diesem Jahr zum ersten Mal an der Ausbildung teilnehmen, wurden Gruben geschaufelt. Dort schützen sie sich vor Schneeböen, die immer wieder ins Gesicht brausen, wenn der Helikopter der Bundespolizei auf knapp 2000 Meter Höhe landet, um einen weiteren Hund mit Herrchen auf dem Übungsplatz abzusetzen oder, ältere Helfer wie Leila, abzuseilen. Aus einem Schneeloch spitzen zwei besonders aufmerksame Augen: Kalle, ein Australien Shepard, ist am Morgen das erste Mal abgehoben. „Vor dem Eingewöhnungsflug war er nervös, ein bisschen wuselig, aber als wir drinnen waren, saß er ganz brav da“, erzählt sein Herrchen.

 

Kalle ist neun Monate alt, quirlig und möchte am liebsten zu Leila rennen. Doch heute darf er nur zusehen, wie ihr das Fluggeschirr entfernt wird, sie sich im Pulverschnee wälzt, ihr schwarzes Fell schüttelt, mit dem Schwanz wedelt, noch mal umherkugelt, „such!“ hört und losrennt. Sie hüpft auf einen Schneehaufen, bellt, buddelt und zerrt einen schwarzen Stoffzipfel hervor. Aufgabe bestanden: Leila hat die menschengroße Puppe im Schneeanzug gefunden. Ein Wienerle zur Belohnung und nun darf auch sie sich in die Sonne fläzen, wie Kalle oder Schäferhündin Joja, die mit einer Sonnenbrille auf der Schnauze relaxt.

 

„Ausgebildete Lawinenhunde wiederholen jedes Jahr den Kurs. Die Junghunde gewöhnen sich erstmal an den Hubschrauber, den Lärm und die ganze Aufregung“, erklärt der Leiter der Lawinenhundestaffel, Xaver Hartmann. Seit 40 Jahren arbeitet er ehrenamtlich bei der Bergwacht. In seiner Laufbahn haben so vielen Erlebnisse Spuren hinterlassen, dass er gar nicht weiß, wo er mit dem Erzählen beginnen soll. „Ein Glücksgefühl wie bei einer Rettung hast sonst nie im Leben.“ Von seiner ersten Lebendbergung berichtet er so aufgeregt, als wäre sie gerade erst passiert: 1983, der erste Schnee im November, vier Leute verschüttet. Zwei gerettet. Hartmann hat bisher etwa doppelt so viele Leichen wie Lebende geborgen.

 

Die ersten 15 Minuten sind bei einer Lawinenverschüttung entscheidend. „Danach sinkt die Chance zu überleben rapide“, so Hartmann. Kommt es zu einem Abgang, wird die Hundestaffeleinheit alarmiert. Im Bestfall erreicht das Team innerhalb von zwanzig Minuten die Unfallstelle, oft dauert es wegen Wetter und Lage länger. Die Hunde schnüffeln, während die Helfer mit Stöcken sondieren. „Die Erfolgschance von Lawinenhunden liegt höher, da sie schneller sind“, sagt Hartmann. Ist der komplette Körper samt Kopf begraben, überlebt laut Statistiken des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung etwa jeder Zweite. Meist ersticken die Personen am Schnee, der in den Mund und die Atemwege rauscht.

 

Ein Wunder passierte vor knapp zwanzig Jahren im Oberallgäu: Ein Snowboarder konnte nach zehn Stunden lebendig aus einer Lawine geborgen werden, ohne bleibende körperliche Schäden zu erleiden. „Wir hatten die Hoffnung fast aufgegeben“, erzählt Hartmann.

 

Das Wort „Held“ habe er bisher kaum gehört. Generell falle die Dankbarkeit recht spärlich aus. „Ab und zu gibt’s schon mal ein Lob. Einmal gab’s ein Päckle mit Leckerle“, erinnert er sich. Ein anderes Mal sei ein Geborgener nochmal zu Besuch gekommen – eine Boulevardzeitung habe ihn dafür bezahlt.

 

Doch Hartmann treibt nicht die Anerkennung, sondern die Leidenschaft an. Genauso sein Team, das sich für die Hundeausbildung eine Woche Urlaub von ihren jeweiligen Berufen genommen hat. Kalle wird in den nächsten Tagen zwar nicht nach Puppen schnüffeln, aber nach „echten“ Menschen, die sich in einer Schneehöhle eingraben lassen. Besteht er die Tests, wird er im Sommer bereits vermisste Wanderer suchen – und hoffentlich finden.

 

dpa