Stimmung auf dem Oktoberfest München im Hofbräu-Festzelt

Wirtesprecher: US-Amerikaner kommen zurück aufs Oktoberfest

Wiesn 2018: Countdown zum größten Volksfest der Welt: Am Samstag heißt es wieder „Ozapft is“. Die Wetteraussichten für das Münchner Oktoberfest sind gut, die Besucheraussichten auch.

 

München – Die Wiesn könnte dieses Jahr richtig brummen – das zeichnet sich schon vor dem Beginn ab. Die Wirte rechnen mit mehr Besuchern als in den Vorjahren. Über mögliche Folgen von Chemnitz, über MeToo im Festzelt und Männer als Bedienung sprach die Deutsche Presse-Agentur mit dem zweiten Wirtesprecher Christian Schottenhamel.

 

Video: Jörg van Hooven im Gespräch mit den Wiesnwirtesprechern Peter Inselkammer und Christian Schottenhamel.

 

Haben Sie nach den Vorfällen von Chemnitz Sorge, dass Gäste aus dem Ausland abgeschreckt werden, nach Deutschland und auf das Oktoberfest zu kommen?

 

Nein, gar nicht. Wir haben vorletztes Jahr nach dem Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum Einbrüche gehabt, Reservierungen sind storniert worden. Letztes Jahr hat es sich ein bisschen erholt. Dieses Jahr haben wir eine Reservierungslage, die hervorragend ist. Wir haben deutlich mehr Reservierungsanfragen als im Vorjahr – und auch viele wieder aus dem Ausland. Die Amerikaner, die weggeblieben sind, kommen jetzt wieder. Der Amoklauf ist ja bis nach Amerika geschwappt durch Facebook und die sozialen Medien. Ich kann mir aber nicht vorstellen, das diese Chemnitz-Geschichte bis nach Amerika schwappt und dann da die Touristen ausbleiben.

 

Und die Nicht-Touristen?

 

Unter dem Strich am wichtigsten ist immer noch, dass der Münchner auf die Wiesn kommt. 70 bis 80 Prozent der Besucher sind Gäste aus München und dem Umland. Das dürfen wir Wiesnwirte nie aus den Augen verlieren: Dass der Münchner sein Oktoberfest mag und gerne hingeht.

 

Können Sie verstehen, dass es viele Münchner gibt, die sagen: Das ist mir zu viel Rummel?

 

Klar. Es gibt aber auch Gäste, die zu mir sagen: Ich geh zu dir nicht, weil es da keinen Wein gibt. Ich mag nicht nur Bier trinken. Der Mensch ist individueller geworden. Wir versuchen diesem Trend nachzugehen, indem wir Biogerichte und vegane Gerichte auf der Speisekarte haben. Wir versuchen auch, uns selber anders zu strukturieren, vielleicht mit einer Solaranlage auf dem Dach. Aber ein Bierzelt bleibt ein Bierzelt. Was ist der Erfolg des Oktoberfestes? Dass wir uns eben nicht zu sehr globalisieren, sondern traditionell bleiben.

 

Das heißt?

 

Wir haben keine Dönerbuden und keinen «Pizzahut» auf der Wiesn, weil wir versuchen, münchnerisch zu bleiben, die Tradition und Werte zu leben. Mein Appell ist: Lasst die Wiesn, wie sie ist.

 

Schauen Sie schon auf die Wetteraussichten?

 

Ja klar. So ein Wetter wie jetzt ist das schönste überhaupt. Es darf auch nicht zu warm sein: Wenn es heiß ist und das Bier wird warm – das mögen die Gäste auch nicht. Wir haben 6000 Plätze drinnen und 4000 Plätze im Biergarten und damit die meisten Plätze von allen Zelten draußen. Da macht sich das Wetter schon bemerkbar. Wir hatten mal eine Versicherung, die uns eine Schlechtwetter-Versichung verkauft hat. Wir waren glücklich, denn im ersten Jahr hat es immer in der Nacht geregnet. Das hat uns nichts ausgemacht, aber sie mussten zahlen – die Messergebnisse waren ja da. Inzwischen gibt es diese Offerte der Versicherung nicht mehr.

 

Wir hatten eine große MeToo-Debatte um sexuelle Belästigung von Frauen. Sagen Sie Ihrer Bedienung im Festzelt, wie viel sie sich gefallen lassen muss?

 

Eine Wiesnbedienung hat einen Knochenjob, das muss man mal sagen. Ich denke auch, dass eine Oktoberfestbedienung weiß, worauf sie sich einlässt, dass ein angetrunkener Gast mal ein Busserl haben möchte. Wie sie damit umgeht, ist eine andere Geschichte. Sie muss sich das nicht gefallen lassen, um Gottes willen. Bei uns kann eine Bedienung sagen, sie möchte nicht im Mittelschiff arbeiten, wo eine etwas rauere Atmosphäre herrscht. Dann kann sie im Randbereich arbeiten.

 

Wie oft kommt es vor, dass eine Bedienung doch die Polizei rufen muss?

 

Ganz selten. Wir haben pro Wiesn nur zwei bis drei Ausfälle, weil Bedienungen sagen, sie schaffen es nicht – auch körperlich. Es sind doch acht oder zehn Kilo, die man da hin und her trägt. Manche trainieren vorher, gehen ins Fitnessstudio. Diejenigen, die aufgeben, sind oft diejenigen, die etwas schwächer sind und vom Naturell eher etwas feiner. Es taugt nicht jeder zum Feuerwehrhauptmann, und so taugt auch nicht jede Frau zur Wiesnbedienung. Wir haben auch sehr viel aufgefüllt mit Männern, jetzt etwa ein Drittel – der Anteil steigt. Es ist hier mal andersrum: Normalerweise drücken die Frauen nach, bei uns drücken die Männer nach.

 

Zur Person:

 

Christian Schottenhamel ist zweiter Sprecher der Wiesnwirte, neben Peter Inselkammer als erstem Sprecher. Beide zählen zu den wichtigsten Gastronomen der Stadt. Schottenhamels Familie ist seit 150 Jahren auf der Wiesn. Das Zelt, das er mit seinem Cousin Michael Schottenhamel führt, ist damit das älteste überhaupt. Dort zapft der Oberbürgermeister das erste Fass an und eröffnet damit das Oktoberfest. Kürzlich hat Christian Schottenhamel das Wirtshaus Nockherberg übernommen, wo sich alljährlich zum Derblecken beim Starkbieranstich die Politprominenz trifft.

 

Von Sabine Dobel und Bernward Loheide, dpa