Do., 28.01.2016 , 09:36 Uhr

Jeder siebte Schüler nimmt Nachhilfe

Mehr als eine Million Schüler setzt auf Nachhilfeunterricht – manche, um die Versetzung zu schaffen, andere, um die Abschlussnote zu verbessern. Bildungsexperten sehen das kritisch, Schulen seien nicht ausreichend auf die Vielfalt ihrer Schüler vorbereitet.

 

 

Jeder siebte Schüler im Alter von 6 bis 16 Jahren nimmt einer Elternbefragung zufolge Nachhilfeunterricht. Das sind bundesweit 1,2 Millionen Schüler. Rund ein Drittel von ihnen setzt dabei auf zusätzliche Förderung, um befriedigende bis gute Leistungen zu verbessern, wie aus einer repräsentativen Bertelsmann-Studie hervorging, die am Mittwoch in Gütersloh veröffentlicht wurde.

 

„Wir sehen den deutlichen Trend, dass es nicht mehr nur darum geht, schulisches Scheitern abzuwenden“, sagte Bildungsforscher und Studienautor Klaus Klemm der Deutschen Presse-Agentur. Vielen Eltern gehe es offenbar darum, mit besseren Noten einerseits den Übergang von der Grundschule auf das Gymnasium leichter zu ermöglichen oder später mit guten Notendurchschnitten die Chancen auf Ausbildungsplatz und freie Studienfachwahl zu verbessern.

 

61 Prozent der Nachhilfeschüler setzen auf Förderung im Fach Mathematik, gefolgt von Fremdsprachen (46 Prozent) und Deutsch (31 Prozent). Besonders ausgeprägt ist der Nachhilfebedarf der Studie zufolge an weiterführenden Schulen, am häufigsten auf dem Gymnasium: Fast jeder fünfte Gymnasiast (18,7 Prozent) nutzt Nachhilfe.

 

Obwohl deutsche Schüler damit im internationalen Vergleich vergleichsweise wenig auf Zusatzunterricht angewiesen scheinen, sieht die Stiftung den Befund kritisch: „Wenn schulischer Erfolg von privat finanziertem Unterricht abhängt, ist das ein Einfallstor für Ungleichheit bei den Bildungs- und Aufstiegschancen“, warnte Klemm. Er geht davon aus, dass unter größer werdendem Leistungsdruck der Bedarf nach Nachhilfe künftig eher zunehmen wird. „Es wird immer wichtiger werden, gute Noten und Abschlüsse vorzuweisen, um den Anschluss zu behalten“, sagte Klemm.

 

Hier sehen die Experten vor allem das staatliche Bildungssystem am Zug: Viele Schulen seien noch nicht ausreichend auf die Vielfalt in ihren Klassenzimmern eingestellt, heißt es in der Studie. Dabei sei es eine Kernaufgabe der Schulen, die Potenziale von Jugendlichen so zu fördern, dass private Nachhilfe nicht mehr nötig sei, ergänzte Klemm.

 

Ähnlich positionieren sich die Lehrerorganisationen. Die Nachfrage nach privater Nachhilfe bestätige, dass Eltern viel Wert auf individuelle Förderung ihrer Kinder legten, teilte Udo Beckmann, Vorsitzender vom Verband Bildung und Erziehung, mit. An Schulen müsste das individuelle Fördern daher ein Schwerpunkt werden, Lehrer sollten entsprechend aus- und weitergebildet werden. Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ergänzte, dass zur Umsetzung optimaler Förderkonzepte auch ausreichend Personal an den Schulen gebraucht werde.

 

Im Schnitt lassen sich die Familien den Zusatzunterricht monatlich 87 Euro kosten. Damit geben die Deutschen pro Jahr fast 879 Millionen Euro für Nachhilfe aus. Wie die Studie weiter zeigt, haben Einkommensunterschiede einen leichten Effekt auf die Entscheidung, Kinder zur Nachhilfe zu schicken: Schüler aus Familien mit einem Haushaltseinkommen über 3000 Euro nutzen die Angebote häufiger als Elternhäuser mit weniger Geld (15 Prozent zu rund 12 Prozent).

 

Allerdings können zahlreiche Familien auf gänzlich kostenlose Angebote zurückgreifen, wie die Elternbefragung zeigt: 26 Prozent der Nachhilfeschüler müssen nichts zahlen. Besonders groß ist der Anteil von Schülern, die kostenlose Angebote nutzen, an Ganztagsschulen. Die Forscher schließen daraus, dass Eltern auch dortige Fördermaßnahmen als Nachhilfe verstehen. Für entsprechend sinnvoll hält die Bertelsmann-Stiftung daher den Ausbau von Ganztagsschulen.

 

 

 

dpa

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