Di., 12.07.2016 , 11:49 Uhr

Umbruch und Aufbruch beim FC Bayern - Stilwechsel mit Ancelotti

Die Louis-de-Funès-Zeiten auf dem Münchner Trainingsplatz sind Vergangenheit. Der ruhige Ancelotti verkörpert den Gegenentwurf zum hektischen Guardiola. Der neue Chef verfolgt eigene Prioritäten.

 

München – Größer könnte der Kontrast kaum sein. Im Gegensatz zu seinem meist hyperaktiven Vorgänger Pep Guardiola sorgt der neue Chefcoach Carlo Ancelotti auch auf dem Trainingsplatz als in sich ruhender Supervisor für einen auffälligen Stilwechsel beim FC Bayern. Mit Trillerpfeife und Stoppuhr um den Hals beobachtet der Italiener die Stars wie Philipp Lahm oder Arjen Robben bei ihren Übungen unter der Anleitung seines Assistenten. Aber in den Erholungspausen sucht der Chef auf dem Rasen das Gespräch mit seinen Profis.

 

In der Ruhe könnte künftig die Kraft liegen beim deutschen Fußball-Rekordmeister, der sich im Aufbruch und Umbruch befindet. Sportvorstand Matthias Sammer ist weg, der neue Chefcoach da. Und viele rechnen schon bald mit der spannenden Rückkehr von Ex-Präsident Uli Hoeneß, der in Kürze seine Zukunftspläne kundtun möchte.

 

Ancelotti hat zum Start nicht zu viel versprochen, aber Hoffnungen geweckt. Er wolle die gute Arbeit von Guardiola fortsetzen, wenn möglich «noch erfolgreicher». Das würde in erster Linie den Gewinn des Champions-League-Titels bedeuten. «Aber das ist nicht einfach, jeder Topclub will das», erklärte Ancelotti. Er kennt sich aus, der Triumph in Europas Königsklasse gelang ihm dreimal. Zweimal mit dem AC Mailand (2003, 2007), einmal mit Real Madrid (2014). Dabei besiegte der Italiener übrigens auch Guardiola und den FC Bayern, gewann mit Real das Halbfinal-Rückspiel in München krachend 4:0.

 

 

Die Zutaten für weitere Glanztaten findet Ancelotti beim deutschen Rekordchampion fraglos vor. «Wir haben eine fantastische Mannschaft», äußerte er über den Luxuskader. In enger Abstimmung mit ihm ist dieser um Weltmeister Mats Hummels und den nun als Europameister in München startenden Portugiesen Renato Sanches aufgemotzt worden.

 

Auf der gemeinsam mit Ancelotti erarbeiteten Bedarfsliste hätten ein Innenverteidiger und ein Mittelfeldspieler mit den Fähigkeiten, wie sie der 18 Jahre junge Sanches verkörpert, ganz oben gestanden, berichtete Karl-Heinz Rummenigge. «Mit der Mannschaft, die wir haben, und mit dem Trainer, haben wir gute Voraussetzungen geschaffen, dass eine erfolgreiche Saison gespielt wird», sagte der Bayern-Chef.

 

Ancelotti muss in den ersten Trainingswochen noch ohne die elf EM-Teilnehmer sowie Copa-America-Sieger Arturo Vidal und den noch verletzten Douglas Costa die Saisonvorbereitung angehen. Das erste Ziel lautet: «Ich muss eine Beziehung zu meinen Spielern aufbauen.»

 

Das Zwischenmenschliche, das Miteinander mit den Akteuren ist dem neuen Chef ein besonderes Anliegen. Der Umgang mit Stars gilt als Ancelottis Stärke. Das Miteinander reicht bis zur Spielweise. «Wenn die Spieler nicht überzeugt sind, kann ich diese Idee ohne Probleme verändern», bemerkte Ancelotti, der Anti-Pep. Allerdings plant der Italiener eine spielerische Evolution und keine Revolution. Auch unter ihm stehe weiterhin «Offensivfußball» in München auf dem Programm.

 

 

Rummenigge glaubt an eine «große und wundervolle Partnerschaft» mit Ancelotti. Der erfahrene Coach wiederum freut sich, erstmals Bosse zu haben, die selbst Spieler gewesen seien, wie er der «Bild» (Dienstag) sagte: «Vielleicht können wir leichter über technische und taktische Aspekte sprechen. Mit anderen ist das schwerer.»

 

Beim AC Mailand redete ihm Präsident Silvio Berlusconi rein. Beim FC Chelsea war es Geldgeber Roman Abramowitsch, bei Paris St. Germain Scheich Nasser Al-Khelaifi. «Das Erste, was sie dir sagen, ist: Ich habe von Fußball keine Ahnung, ABER… Es ist dieses ABER, das alles etwas schwieriger macht», schilderte Ancelotti seine Erfahrungen.

 

In München, das betont Boss Rummenigge seit vielen Jahren, «ist exklusiv der Trainer für Taktik und Aufstellung verantwortlich». Rummenigge erfährt sie selbst oft erst im Stadion. Und anders als zu Guardiolas Zeiten schaut in Zukunft bei Ancelotti auch nicht mehr Sammer als Sportvorstand bei jeder Übungseinheit am Platzrand zu.

 

Von Klaus Bergmann, dpa

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