Der Schichtl und der Lehrerssohn

Ich werde immer wieder von meinen Gefühlen überwältigt, ja es drückt mir sogar die Tränen in die Augen, wenn ich vor Schichtls Hinrichtungsvariete stehe und dem Chef dort, Manfred Schauer beim Arbeiten zuschaue. Das ist keine Traurigkeit, die sich da breit macht, weil doch jetzt dann eine ‚Lebendige Person auf hell erleuteter Bühne mittels Fallbeil geköpft werden wird‘. Nein, ich bin einfach nur begeistert. Der Schichtl und der Tobogun sind nämlich die einzigen Schaustellergeschäfte unter der Bavaria, wo es noch etwas umsonst gibt. Man kann nämlich stehenbleiben, zuschaun, lachen und es kostet nichts. Außerdem ist die Parade beim Schichtl draussen fast noch lustiger, als die Hinrichtung, die anschließend im Zelt drin statt findet und die von Aussen nicht zu sehen ist.

 

Und dennoch zieht es mich immer wieder magisch hinein. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich zum ersten Mal Zeuge einer solchen Hinrichtung wurde. Im Vorfeld des Hauptacts mit Guillotine fanden eher einlullende Vorführungen von Zauberkunststückchen statt. Auch der weltberühmte Schmetterlingstanz konnte mich nicht so richtig fesseln, obwohl ich dortmals schon in der Pubertät und durchaus vermehrungsfähig war. Nein diese fast manische Bezogenheit auf das, was jetzt dann kommen würde, rührt bei mir viel tiefer. Ich habe das erst viel später zusammen mit meinem Psychotherapeuten nach einigen heftigen Sitzungen herausfinden können. Der Grund ist mein Vater!

 

Mein Vater nämlich war Lehrer, Volksschullehrer! Diese Volksschulen waren im ländlichen Raum oftmals Bildungsinstitute in denen acht Klassen, ab 1967 sogar neun Klassen in einem einzigen Klassenzimmer unterrichtet wurden! Da gab es natürlich ab und an Auseinandersetzungen zwischen Schüler und Lehrkörper, die durch eine sogenannte ‚Watschn‘ einer vorläufigen Lösung zugeführt wurden. Vorläufig deshalb, weil die Eltern der gewatschen Kinder meinem Vater diese Watsch selten verziehen haben. Interessanterweise beschwerten sie sich aber nicht bei ihm, die Rache war weit subtiler und hat mein Leben wiesntechnisch entscheidend geprägt.

 

Dortmals Ende der 60ger, Anfang der 70ger Jahre wurde auf jedem Bauernhof mindestens einmal im Jahr geschlachtet. Die Sau bekam bei solchen Hausschlachtungen einen Schlag mit der stumpfen Seite der Axt auf den Schädel und dann wurde ihr der Hals abgeschnitten. Das herausschießende Blut, das man ja nicht nur für die Blutwürste brauchte, sondern auch für Leberwurst und Pressack, wurde in einer großen, fast immer weissen Plastikschüssel aufgefangen. Und dann setzte die Hämostase ein. Hämostase ist aber beim Schlachten unerwünscht. Diese lässt das Blut nämlich grinnen. Und geronnenes Blut kann man nicht mehr zu Würsten oder Pressack verarbeiten. Also mußte jemand mit einem Schneebesen in dem Blut rühren. Und weil ich als neugieriges Kind zusammen mit anderen neugierigen Kindern immer vor den Waschküchen stand, in denen grade geschlachtet worden war, blieb der suchende Blick des Bauern meist bei mir hägen, dem Lehrerbuben: ‚Geh her Griebel, mit am Schneebesen, werst ja umgeh kena?‘

 

Natürlich war der Hintergedanke dieser Herren ein ganz gemeiner: Sie wollten gerne sehen, wie ich mich übergebe. Diese frische Blut schau nämlich nicht nur unheimlich rot aus in einer schneeweissen Plastikschüssel, es hat auch einen ganz typischen Geruch. Es riecht eben wie frisches Blut und frisches Blut riecht überhaupt nicht gut. Ich mag diesen Geruch jedenfalls nicht, er ist gruslig. Aber ich habe die Zähne fest zusammen gebissen, gerührt und kräftig zurückgedrückt, wenn angedaute Frühstücksteile nach oben steigen wollten aus meinem Magen. Diesen Gefallen jedenfalls hab ich ihnen nicht getan, den Vätern meiner Mitschüler!

 

Und heute, um wieder auf den Schichtl zu spechen zu kommen, heute ertappe ich mich regelmässig, dass ich bei den diversen Hinrichtungen vor der hell erleuchteten Bühne im Publikum sitze und ganz gespannt warte, wie es riecht, wenn die Schichtlin den Lappen ausdrückt, mit dem sie grade das Blut des Kandidaten aufgewischt hat.

 

CG