Do., 25.02.2016 , 09:29 Uhr

Moralpredigt auf dem Nockherberg

Die Flüchtlingskrise hat Auswirkungen auf das alljährliche Politiker-Derblecken auf dem Münchner Nockherberg: Zum Spott kommt die Moralpredigt hinzu.

 

Besonders viele Lacher erntet „Mama Bavaria“ nicht beim diesjährigen Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg. Die Scherze der Kabarettistin Luise Kinseher sind so böse, dass mancher nicht lachen mag – und ansonsten trägt die übliche Spottrede heuer Züge einer Moralpredigt. „Es ist schwer, für Menschen eine Obergrenze zu finden, wenn es fürs Leid keine gibt“, sagt Kinseher zu den CSU-Forderungen in der Flüchtlingskrise.

 

Und fordert Ministerpräsident Horst Seehofer und die CSU auf, auf Polemik zu verzichten: „Warum lasst ihr diese ganzen unappetitlichen Sprüche nicht endlich bleiben?“ Sie erwarte, „dass ihr es nicht verlernt, auf das Schicksal jedes einzelnen Menschen zu schauen, damit dieser nicht in eurem unbarmherzigen Wald aus Statistik und Polemik zugrunde geht“, sagt die „Mama“. Die Fastenpredigt endet denn auch mit einer mütterlichen Gardinenpredigt: „Irgendwie werden wir alle irgendwann merken, dass wir es nur miteinander schaffen können“, sagt Kinseher. „Der Humor ist das, was uns von Extremisten und Fanatikern unterscheidet.“

 

Kinseher kämpft seit Jahren mit ihrer Rolle als eigentlich liebevolle „Mama“, die ihren verirrten Kindern die Leviten liest. Den Maßstab in Sachen hintersinniger Nockherberg-Reden gesetzt hat der niederbayerische Kabarettist Bruno Jonas, der 2006 zum letzten Mal auftrat. Kinseher muss seit jeher mit der Kritik leben, sie sei zu harmlos.

 

Harmlos ist Kinseher an diesem Mittwochabend jedenfalls nicht. Handelte es sich nicht um einen Kabarettauftritt, wären manche Witze wohl justiziabel. „Er hat moralische Legasthenie“, sagt sie über Finanzminister Markus Söder, den sie auch noch als „fleischfressende Schlingpflanze“ tituliert.

 

CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer ist ein „Rehpinscher“. Und Wirtschaftsministerin Ilse Aigner ist von der „weiß-blauen Rose der CSU zur Kellerprimel“ geworden. CSU-Chef Seehofer kommt vergleichsweise unbeschadet davon. „Da sieht man, was man als Fremder in der Fremde alles erreichen kann, mit ein bisserl Integrationswillen“, sagt „Mama Bavaria“ über Seehofers Besuch beim russischen Präsidenten Wladimir Putin. „Na gut, eigentlich war’s Unterwerfung, aber auf Augenhöhe.“

 

Besonders böse spottet Kinseher über die Frauen in der Politik: Neben Aigner bekommt Umweltministerin Ulrike Scharf ihr Fett weg, die als „Hendl“ betitelt wird. Das missfällt Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) – die selbst kein Opfer Kinsehers wird. „Wenn Frauen in der Politik sind, sollte man das nicht so handhaben wie heute“, sagt Stamm.

 

Sehr viel besser als die Rede kommt das anschließende Singspiel an – melancholisches Kabarett. Schauplätze sind das Haus und das Hirn Seehofers. Die Flüchtlingskrise wird als Unwetter dargestellt, das über die deutsche Politik hereinbricht: „Der Wind kommt von rechts“, heißt es im Eröffnungslied. Die extreme Stimmung in Teilen der Bevölkerung taucht als „braunes Huhn“ in Seehofers Kopf auf. Und der bayerische Ministerpräsident (Christoph Zrenner) legt Kanzlerin Angela Merkel (Antonia von Romatowski) eine Zwangsjacke an, als die „Wir schaffen das“ intoniert. „Ich halte meine Werte hoch, und die nehme ich mit ins Grab“, sinniert die Kanzlerin über ihren Untergang. Am Ende singen und reden alle Politiker auf der Bühne durcheinander im Schlusslied „Bla Bla Bla“.

 

„Eine Weltklasseleistung“, sagt Seehofer anschließend. Und auch SPD-Bundestagsfraktionschef Thomas Oppermann ist angetan: „Ein Gaudi“, sagt er, „aber mit Tiefgang“.

 

rg /dpa

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