Mi., 03.09.2014 , 11:26 Uhr

Nach Sommerpause: Neue Beweise im NSU-Prozess

Am Donnerstag endet die Sommerpause im NSU-Prozess. Das Verfahren wird mit zahlreichen neuen Beweisdokumenten fortgesetzt und könnte sich nach Einschätzung von Prozessbeteiligten stärker als bisher mit den Strukturen der Nazi-Unterstützer beschäftigen.

 

München – Mit zahlreichen neuen Beweisstücken setzt das Oberlandesgericht München nach vierwöchiger Sommerpause am Donnerstag den NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe und vier ihrer mutmaßlichen Helfer fort. Nach Einschätzung von Prozessbeteiligten möchte sich der Senat jetzt verstärkt auch den Strukturen des «Nationalsozialistischen Untergrunds» widmen. Bei den neuen Beweisen handelt es sich um persönliche Dokumente der Angeklagten und einen rassistischen Roman aus den USA.

 

Vor allem Nebenkläger-Anwälte, die die Angehörigen der Mordopfer des NSU vertreten, begrüßen das. Es gehe in dem Verfahren nicht allein um Schuldsprüche, sondern auch um «den Rechtsfrieden und die Wahrheitsaufklärung», sagt Anwältin Doris Dierbach, die mit ihren Kanzleikollegen die Familie des in Kassel erschossenen Internetcafé-Betreibers Halit Yozgat vertritt. «Da ist auch die Nazistruktur wichtig», sagte sie.

 

 

Etwas verhaltener sieht das offenbar die Bundesanwaltschaft. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl habe «den Rahmen relativ weit gesteckt», heißt es in Karlsruhe. Es gehört zu den Eigenheiten des NSU-Prozesses, dass das Verhältnis zwischen Anklagebehörde und Nebenklägern konfliktreicher ist als normalerweise in Strafprozessen.

 

 

Anwältin Dierbach meint, die Bundesanwaltschaft habe die Linie, die das Gericht jetzt fährt, so «nicht gewollt», möglicherweise aber aus gutem Grund: Die Bundesanwaltschaft ermittele bis heute gegen weitere Verdächtige, die gewarnt werden könnten, wenn zu viele Details über sie im Prozess zur Sprache kämen. Tatsächlich haben die Anklagevertreter immer wieder versucht, allzu weitreichende Fragen der Nebenkläger mit Einsprüchen zu stoppen.

 

Neue Beweise im „Selbstleseverfahren“ eingeführt

 

Die neuen Dokumente hat das Gericht im sogenannten «Selbstleseverfahren» eingeführt. Das bedeutet praktisch, dass die Prozessbeteiligten sich über die Ferienwochen einlesen konnten und die Beweismittel damit als soche anerkannt werden. Diese Methode wird eher selten angewendet, sei in diesem Fall aber «vernünftig», sagt Anwältin Dierbach. «Wir müssen dann nicht tagelang sitzen und uns diesen Schmutz in öffentlicher Verhandlung anhören.» Üblicherweise führt der Richter neue Beweisdokumente ein, indem er sie vorliest.

 

Allein der US-Roman, dem das Gericht jetzt Relevanz zumisst, umfasst mehr als 200 Seiten. Er erzählt mit teilweise ausufernden Gewaltschilderungen einen «Rassenkrieg» gegen Juden und Nichtweiße, der mit dem Sieg einer «arischen» Organisation endet, allerdings erst, nachdem sie die Zentren des «Systems», New York und Tel Aviv sowie weite Teile der bewohnten Welt, mit Atombomben verwüstet hat.

 

Erster Zeuge:  Ermittler des Thüringischen LKAs

Dieser Roman wurde auf den Festplatten der beiden Mitangeklagten Ralf Wohlleben und André E. gefunden. Eine Analyse des Bundeskriminalamtes kommt zu dem Ergebnis, dass der Roman zwar nicht als «Blaupause» für die Mordserie und die Anschläge des NSU gedient habe, dass es aber zahlreiche Parallelen

Zudem gibt es auch persönliche Kontakte zwischen dem Autor und dem NSU-Umfeld. Verfasst hat das Buch der Gründer der amerikanischen Neonazi-Organisation «National Alliance», William Pierce. Pierce gewährte einem wegen Mordes verurteilten Neonazi aus Thüringen vorübergehend Zuflucht vor der deutschen Polizei. Nach Erkenntnis des Thüringer Verfassungsschutzes reiste einer der mutmaßlich wichtigsten NSU-Unterstützer, der Anführer des «Thüringer Heimatschutzes», Tino Brandt, zu dessen Unterstützung in die USA. Das Flugticket soll die «National Alliance» bezahlt haben. Brandt ist Ende September wieder als Zeuge im NSU-Prozess geladen.

 

Um Hintergründe des «Nationalsozialistischen Untergrunds» geht es auch schon am Donnerstag. Erster Zeuge nach der Sommerpause ist ein Ermittler des Thüringischen Landeskriminalamtes. Er ermittelte 1996 und 1998 gegen das Trio und weitere Mitglieder der «Kameradschaft Jena» – zu der Zeit, als Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos unter immer noch nicht restlos geklärten Umständen in die Illegalität abtauchten.

 

dpa/make

beweise Gericht NSU sommerpause Zeugen Zschäpe

Das könnte Dich auch interessieren

24.08.2026 Die Kunst des perfekten Milchschaums: Wie die Wahl der Milch jede Tasse verwandelt Wenn man sich einen cremigen Cappuccino oder einen Latte Macchiato gönnt, richtet sich die Aufmerksamkeit meist ganz automatisch auf die Kaffeemischung, aus der der Espresso zubereitet wurde. Dabei wird oft übersehen, dass bei Kaffeespezialitäten gerade die Milch den größten Anteil des Getränks ausmacht und maßgeblich über Konsistenz, Optik und das endgültige Geschmacksprofil entscheidet. Aspekte wie 21.08.2026 Biologische Schädlingsbekämpfung mit Nützlingen im Garten: So schaffen Sie ein natürliches Gleichgewicht Wer seinen Garten liebt, kennt das Problem: Blattläuse an den Rosen, Weiße Fliege im Gewächshaus, Spinnmilben auf dem Balkon. Der erste Reflex ist oft der Griff zur Sprühflasche – doch ein chemischer Angriff tötet selten nur die unerwünschten Gäste. Dabei gibt es eine elegantere Lösung, die die Natur selbst bereitstellt: biologische Schädlingsbekämpfung mit Nützlingen im 20.08.2026 Münchner Unternehmen auf Wachstumskurs: Maßgeschneiderte Web-Lösungen für den digitalen Erfolg Ein funktionierender digitaler Vertriebskanal ist für Betriebe im Jahr 2026 weit mehr als ein reines Aushängeschild im Internet. Wer messbare Erfolge erzielen möchte, benötigt technologisch ausgereifte und konsequent nutzerzentrierte Plattformen. Genau an diesem Punkt setzt das fundierte Leistungsangebot von Webforging an. Die Spezialisten aus der bayerischen Landeshauptstadt haben sich darauf fokussiert, maßgeschneiderte Onlineshops und performante 17.08.2026 Münchens Tech-Szene im Wandel: Wie hybrides Projektmanagement den Aufstieg ins Management sichert Am dynamischen Wirtschaftsstandort München stoßen reine Fachexperten auf dem Weg in die Führungsebene rasch an eine gläserne Decke. Exzellentes technisches Wissen allein qualifiziert noch lange nicht für das Management komplexer Vorhaben.  Gerade in technologieintensiven Innovations- und IT-Projekten entscheidet neben der fachlichen Expertise vor allem die Fähigkeit, Ziele, Ressourcen, Risiken und Abhängigkeiten strukturiert zu steuern. Besonders