Mo., 04.12.2017 , 11:26 Uhr

Licht gegen Hass: Die Geburtsstunde der Lichterkette

Eine Serie ausländerfeindlicher Ausschreitungen sorgt Anfang der 90er-Jahre für Schrecken in Deutschland. Vier Freunde lehnen sich auf und wollen mit einem stillen Protest in München ein Zeichen gegen Fremdenhass setzen. Sie mobilisieren 400 000 Menschen – die Geburtsstunde der Lichterkette.

 

Die Bilder gingen um die Welt: 400 000 Menschen stehen am 6. Dezember 1992 mit Kerzen, Laternen und Fackeln Seite an Seite auf den Straßen rund um die Münchner Innenstadt und protestieren. Prominente wie Senta Berger neben Klosterschwestern, Rentner neben Studenten, Kinder mit ihren Eltern – ganze Familien bevölkern die Straßen. Es ist die Geburtsstunde der Münchner Lichterkette. Ihr Ziel: Ein stilles Zeichen gegen Ausländerhass setzen. Denn zahlreiche Übergriffe gingen diesem Nikolaustag voraus.

 

 

Es ist die Zeit der Balkankriege, Hunderttausende Menschen fliehen aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland. Asylunterkünfte werden angezündet, Menschen sterben. Im September 1991 sorgen im sächsischen Hoyerswerda rassistische Übergriffe auf ehemalige DDR-Vertragsarbeiter und eine Flüchtlingsunterkunft für Schrecken. Rechte Randalierer belagern die Häuser, es fliegen Steine und Brandsätze, Einwohner kommen zum Zuschauen – sie applaudieren, „Ausländer raus“-Rufe ertönen. Die Polizei hat die Lage nicht im Griff, nach sieben Tagen verlassen Arbeiter und Flüchtlinge unter dem Jubel von Rechten in Bussen die Stadt.

 

Bundesweit Schlagzeiten machen auch Krawalle in Rostock-Lichtenhagen in Mecklenburg-Vorpommern. Rechte belagern im August 1992 tagelang ein überfülltes Asylbewerberheim. Auch hier ist die Polizei machtlos. Die Flüchtlinge können noch in Sicherheit gebracht werden, doch Brandsätze fliegen auf das benachbarte Haus, in dem hauptsächlich Vietnamesen leben. Ein Mob aus mehreren tausend Menschen jubelt. Nur drei Monate später werfen Neonazis im schleswig-holsteinischen Mölln Molotowcocktails auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser, drei Bewohner sterben.

 

„Es war ein Klima der offenen Ressentiments gegen Ausländer“, beschreibt Peter Probst die Lage. Er ist Vorstand im Verein Lichterkette, der aus der Protestaktion in München erwuchs und in dem sich Menschen ehrenamtlich bis heute für ein friedliches Miteinander in der bayerischen Hauptstadt einsetzen.

 

 

Als Mitorganisator stand Probst selbst an jenem Abend vor 25 Jahren auf der Straße. Die Idee für die Protestaktion sei aber von vier Freunden gekommen – darunter Giovanni di Lorenzo, heute Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“ und der Filmproduzent und Vorstand der Babelsberg-Studios, Christoph Fisser. „Sie hatten die Idee, die Münchner auf die Straße zu rufen, um zu sehen, wo die schweigende Mehrheit eigentlich steht“, erinnert sich Probst.

 

Nach dem Schneeballsystem seien dann immer mehr Freunde an Bord geholt worden. Leute aus der Filmbranche, Journalisten, Künstler und immer mehr ganz normale Bürger. Alle habe eines geeint: „Wir waren als Freunde immer verzweifelter, wir wollten nicht in einem Land leben, in dem es permanente Angriffe auf Ausländer gibt.“

 

Ohne Handys, ohne Internet nur mit Fax und Telefon habe man weitere Menschen mobilisiert. „Thomas Gottschalk hat zum Beispiel für die Aktion geworben, im Radio liefen Aufrufe, es gab Anzeigen im Zeitungen.“ Rund zwei, drei Monate habe die Vorbereitung gedauert. Mit 100 000 Menschen hätten die Initiatoren damals gerechnet, was die Stadt München schon als unrealistisch belächelt habe, berichtet Probst.

 

 

Die weitaus größere Teilnehmerzahl sei überwältigend gewesen, „ein großes Wunder“, findet Probst, der damals Anfang 30 war. Die vielen Menschen hätten den Verkehr der Stadt für ein paar Stunden lahmgelegt. „Es war ein stiller Protest, ohne Ausschreitungen. Da sind Menschen auf die Straße gegangen, die davor und auch danach nie auf einer Demonstration waren.“ Bewusst habe man sich danach gegen eine Wiederholung entschieden. „Wir können uns bis heute nicht erklären, was da genau passiert ist.“

 

Dank der großen Beteiligung sei die Aktion international wahrgenommen worden – Auftakt für ähnliche Aktionen in der ganzen Republik. „Deutschland bekannte sich damit zu einem klaren Nein gegen Ausländerfeindlichkeit“, ist sich Probst sicher. Die Lage im Land habe sich nach der medienwirksamen Protestaktion wieder etwas entspannt.

 

Heute nimmt die Zahl der rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten wieder zu. Im vergangenen Jahr zählte das Bundesamt für Verfassungsschutz 1600 solcher Delikte. Vor der Flüchtlingskrise im Jahr 2013 war es mit rund 800 nur die Hälfte. Im Vergleich zu Anfang der Neunziger-Jahre würden heute mehr Menschen ihre Haltung in den sozialen Netzwerken, aber auch mit vielen Initiativen kundtun, sagt Probst. Die hauptsächlich durch Spenden finanzierte Lichterkette setzt heute mehr auf Taten als auf Zeichen.

 

dpa/as

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